Einmal mit 1:2 zu verlieren, mag ein bedauerlicher Ausrutscher auf vereistem Shinkansen-Gleis sein. Zweimal mit 1:2 zu scheitern, riecht nach einer hartnäckigen Marotte, über die man bei einer Schale kaltem Grüntee noch nachsichtig lächeln kann.
Während die geschätzten Kollegen im Tabellenkeller panisch die Taktiktafeln zertrümmern oder sich an hektischen Rettungsversuchen abarbeiten, pflegen wir auf Platz 13 die pure
mathematische Verlässlichkeit.
Kein peinliches Debakel, kein unkontrollierter Aktionismus. Ein Tor für die eigene Selbstachtung, exakt zwei für die statistische Demut.
Man könnte fast meinen, die japanische Seele fände in dieser symmetrischen Wiederholung ihren inneren Frieden. Es ist das Ritual der formvollendeten Verbeugung vor dem Spieltag. Knapp am Punktgewinn vorbei, aber mit höchster Eleganz und berechenbarem Fahrplan.
„Nichts tut in diesem Spiel mehr weh als ein 1:2 auf eigenem Platz.“ Man wird das dumpfe Gefühl nicht los, dass uns das Schicksal hier im kalten Norden gnadenlos im Kreis schickt.
Erst war es die bittere Pleite gegen einen menschlichen Kontrahenten, und nun schlägt exakt derselbe schmerzhafte Spielstand wieder zu, nur um das Ganze diese Woche gegen einen seelenlosen Paten (Tokyo Verdy) zu besiegeln.
So viel zur taktischen Zen-Gymnastik.
Wenn man im eigenen Stadion erst an echten Kombatanten und dann an einer Maschinen-Elf zerschellt, hilft
auch keine philosophische Erleuchtung mehr. Der Shinkansen ist endgültig entgleist und liegt rauchend im Schotterbett.
Die japanische Seele muss nun erst einmal mit kaltem Tee und einer harten Realität konfrontiert werden. Ob menschlicher Schmerz oder kalter Paten-Algorithmus: Wer auf der Trainerbank sitzt, während die Punkte unaufhaltsam im Nirwana verschwinden, darf sich nicht länger hinter großen Sprüchen verstecken.
Solange diese Kante unerbittlich weiter an unserem Nervenkostüm schabt, bleibt Sapporo eben die Testpiloten des ewigen Wiederkehrens.
Eben noch den Shinkansen beschworen und Kante versprochen. Aber dann zeitnah nachgeschaut und festgestellt: Nicht „Big in Japan“, sondern maximal unglücklich abserviert.
Das war doch eigentlich ein klarer Gedanke: Ein bisschen taktische Zen-Gymnastik, der Plan steht, jetzt wird zu Hause geliefert. Doch genau da liegt der wahre Schmerz: Ein 1:2 auf eigenem Platz. Nichts tut in diesem Spiel mehr weh. Ein
Treffer fehlt, die Brechstange bricht, die Marinos nehmen die Punkte mit.
Dazu noch das 0:5 in Kyoto als Draufgabe und der Sturz auf Platz 12.
Damit muss die geschundene japanische Seele nun erst einmal klarkommen. Das verlangt tiefes Innehalten bei kaltem Tee. Der Schaffner verbeugt sich bei 20 Sekunden Verspätung, ich verneige mich vor der eigenen Naivität bis zur Grasnarbe - und dem Geschick des Gegners.
Normalerweise erfordert die japanische Etikette vornehme Zurückhaltung gegenüber fernen Nebenschauplätzen. Doch wenn ein Kollege im australischen Busch ein derart messerscharfes Werk abliefert, gebietet es der Ehrenkodex, die Teeschale beiseitezustellen und sich tief zu verbeugen.
Mit der unbarmherzigen Präzision eines meisterlich geschmiedeten Katanas seziert der Kolumnist hier das versammelte Teilnehmerfeld bis auf die Knochen. Jeder verbrannte TK-Punkt wird vorgerechnet, jedes vorzeitige
Petting gnadenlos entlarvt und der Liga die nackte Fratze ihrer eigenen Unfähigkeit vorgehalten. Das ist keine bloße Berichterstattung mehr, das ist publizistische Hinrichtungskunst auf kaiserlichem Niveau.
Große Verbeugung vor dieser Kolumne, werter Kollege. Ergänzend ein alter Lehrsatz: Wer mit Worten so treffsicher schneidet wie mit geschliffenem Stahl, hat den Pfad gemeistert; wer jedoch auf dem Spielfeld blindlings seine Pfeile verschießt, verhungert noch vor Einbruch des Winters.
Während im sonnigen Süden Hektik und Verwirrung regieren, herrscht hier im Norden absolute Klarheit. Die Liga blickt verwundert auf unseren letzten ZAT: Erst ein scheinbares 0:5 in Tokushima, direkt gefolgt von einem eiskalten 5:0 gegen Oita Trinita. Die Unwissenden nennen es Inkonstanz. Ich nenne es das Gesetz des Vakuums. Wer zuschlagen will, muss die Faust erst zurückziehen. Wer fünf Tore manifestieren will, muss zuvor die Leere aushalten.
Umso besorgter blicke ich trotzdem gleichzeitig auf das metaphysische Trauerspiel in Sendai. Kollege kees van edam verkündet in den
Gazetten ernsthaft, Gegentor-Fluten seien ein „Zeichen von Wertschätzung“. Gegentore sind wenn man sie nicht gleichzeitig wenig zurückgibt keine Zuneigung. Gegentore sind ein energetischer Schiefstand.
Wir reisen als Nächstes nach Osaka. Gamba träumt nach ein paar glücklichen Zählern vom einstelligen Tabellenplatz und fantasiert über das internationale Geschäft. Doch wenn die Kälte von Consadole Sapporo über ihr Mittelfeld rollt, wird kein warmer Sommerregen helfen. Besinnt euch auf das Wesentliche. Haltet eure TK rein. Das Eis bricht bald.
Während Kollege Tore Bulwa in der Liga weiterhin an seinen hochkomplizierten Quanten-Formeln und metaphysischen Raum-Zeit-Krümmungen herumdoktert, liefern wir bei Consadole Sapporo schlichte, handfeste Physik: Ein eiskaltes, unbarmherziges 5:0.
Man kann den Fußball natürlich akademisch verkomplizieren, bis selbst der Schiedsrichter die Relativitätstheorie bemühen muss. Oder man schiebt die Murmel einfach fünfmal über die Linie und lässt den Gegner die Bruchteile seiner eigenen
Logik aus dem Netz kratzen. Denn auf der Anzeigetafel gilt immer noch die klassische Mechanik. Masse mal Beschleunigung gleich Heimsieg. Gegen unsere kinetische Energie hilft eben kein philosophischer Nobelpreis.
Und mit 18 Zählern genauso wie fünf weitere Mannschaften mischen wir ganz vorne im Meisterschaftskampf mit. Grübel also ruhig weiter über das Raum-Zeit-Kontinuum, Kollege Bulwa. Während du noch rechnest, bringen wir schonmal die Masse für den nächsten Spieltag in Bewegung.
Erst Gießkannen, dann Schmetterlinge und jetzt ein ganzes Zoo-Theater – Chapeau an die Kollegen, die Liga-Presse ist pures Gold! Kees van edam liefert mit seiner Giraffen-auf-Servietten-Zeichnung feinste Taktik-Satire, während Nakata Gutschi mit barfüßiger Zen-Meditation im Bambuswald literarische Glanzpunkte setzt. Wenn dann noch Meister Wolfgang Lippert versonnen mit Gabi im Park sitzt, Praktikanten vorschickt und Nigel Clough sein Heim-Desaster betrauert, verneigt sich Sapporo vor so viel poetischer Kreativität.
Aber genug des süßen Lobes, Schnittblumen beiseite. Wie bereits im letzten Artikel unmissverständlich klargestellt: Quantenphysik und Gravitations-Ausreden könnt ihr am Strand
diskutieren, aber nicht bei Consadole Sapporo! Bei uns im hohen Norden regiert die eiskalte Thermodynamik. Wenn der Boden gefroren ist, zerschellen Giraffen-Servietten, Park-Romantik und Zen-Bambus eben krachend an der Realität. Während ihr noch den Neigungswinkel des Rasens vermesst, schaufeln wir den Strafraum frei und sacken die Punkte ein.
Der detaillierte Befund auf dem Platz (ZAT 4):: Bei Mito HollyHock ließen wir uns zwar auf der schiefen Wiese noch mit einem knappen 0:1 abkochen, aber dafür brannte im Heimspiel das ewige Eis: In einer atemberaubenden 5:4-Schlacht gegen Nigel Cloughs Urawa Red Diamonds haben wir das Torspektakel des Spieltags gefeiert. 15 Punkte, 17:10 Tore, Platz 3 in Lauerstellung zur Spitze!
Man staunt über das japanische Kuriositätenkabinett, nicht zuletzt in der Zeitung: kees van edam kassiert in Mito neun Dinger im Basketball-Modus, verliert 4:5 und erklärt der staunenden Weltpresse mit ernster Miene, dass der Platz physikalisch schief war, die Gießkanne rebellierte und zwei Schmetterlinge den Ball ins Tor pusteten! Großes Kino! Während in Sendai also Windstöße verwarnt, Torpfosten verhört und Greenkeeper als Taktik-Götter gefeiert werden, bleibt man bei Consadole Sapporo gewohnt pragmatisch. Bei uns im hohen Norden Japans ist der Boden gefroren, der Rasen bretthart – und wenn der Ball ins Netz fliegt, lag es garantiert nicht an der Erdanziehungskraft.
Ein weiterer Blick auf die Mitbewerber unterstreicht zudem den allgemeinen
Wahnsinn:
* Vorjahresmeister Wolfgang Lippert taumelt mit Avispa Fukuoka trotz des ersten Dreiers weiter im Tabellenkeller auf Platz 15 herum
++ Nigel Clough redet bei den Red Diamonds von Heimstärke und Konstanz – und fängt sich prompt eine 1:5-Heimklatsche plus 0:3-Auswärtspleite zum Absturz auf Rang 13 ein.
+++ Und Nakata Gutschi wirft derweil weiter Zen-Kiesel ins Meer und meditiert über die hohe Kunst des Minimalismus.
Lasst die Kollegen ruhig Quantenphysik studieren, mit Grashalmen flüstern oder philosophische Teekränzchen abhalten – Roquatoni schießt Kashiwa Reysol mit 4:0 vom Platz und sammelt die Punkte eiskalt im Windschatten auf Platz 3. Wir brauchen keine Ausreden mit Gießkannen: Wenn Sapporo zuschlägt, fallen die Tore bergab. Immer.
Da analysiert man das Tableau und muss leicht schmunzeln: Die J-League liebt das große Theater an ZAT 2
+ Armando Broncas IV hatte uns vor dem ZAT noch ehrfürchtig als „echten Prüfstein“ für seine Yokohama F. Marinos auserkoren. Nun ja - wer gegen Sapporo antritt, muss sich eben auch vernünftig vorbereiten
+ Meistertrainer Wolfgang Lippert versinkt mit Avispa Fukuoka völlig punktlos (!) im Tabellenkeller.
+ Und während die Kollegen das Drama sezieren, wir spielen erst an Spieltag 9 gegen den Meister schleichen wir uns klammheimlich durch den
Windschatten.
Ausblick auf ZAT 3
* Mission 1: In Tokio bei Tokyo Verdy antreten. Die stehen auf Rang 15 und haben mit minus 10 Toren die Schießbude der Liga aufgestellt. Klingt auf dem Papier nach Pflichtaufgabe? Genau bei solchen Spielen friert im Norden das Lächeln für gewöhnlich ein,?.
* Mission 2: Das Heimspiel gegen Aufsteiger Kashiwa Reysol. Die haben gerade sechs Punkte auf dem Konto und wackeln zwischen Genie und Wahnsinn.
* Wetterbericht aus Sapporo: Kalt, sturmfest und völlig unberechenbar. Wenn der Greenkeeper aus Sendai den Schlüssel zum Erfolg sucht – wir haben ihn vorsorglich vergraben!
In Japan kommt man nie zu spät. Der Shinkansen rollt auf die Millisekunde. Der Schaffner verbeugt sich tief, sollte der Zug auch nur zwanzig Sekunden verpassen. Hier in Sapporo gilt heute: Kante genäht. Vollgas. Aber Punktlandung. Wir schaffen das Ding bzw. den Artikel. Rechtzeitig. Ehrensache.
Auf dem Rasen ohnehin: 5:0 gegen Bellmare weggeatmet, Platz 5 gesichert, oben dranbleiben. Sollen die anderen doch diskutieren. Urawa fängt sich die Tore am Fließband. Tokushima hadert mit vergebenen Zählern. Und kees van edam prüft weiter mit der Wasserwaage die Neigung des Platzes.
Nicht unser Theater. Sapporo bleibt stoisch. Voller Fokus. Text steht, Taktik sitzt, ZAT im Kasten. Verbeugung.