Während Kollege Tore Bulwa in der Liga weiterhin an seinen hochkomplizierten Quanten-Formeln und metaphysischen Raum-Zeit-Krümmungen herumdoktert, liefern wir bei Consadole Sapporo schlichte, handfeste Physik: Ein eiskaltes, unbarmherziges 5:0.
Man kann den Fußball natürlich akademisch verkomplizieren, bis selbst der Schiedsrichter die Relativitätstheorie bemühen muss. Oder man schiebt die Murmel einfach fünfmal über die Linie und lässt den Gegner die Bruchteile seiner eigenen
Logik aus dem Netz kratzen. Denn auf der Anzeigetafel gilt immer noch die klassische Mechanik. Masse mal Beschleunigung gleich Heimsieg. Gegen unsere kinetische Energie hilft eben kein philosophischer Nobelpreis.
Und mit 18 Zählern genauso wie fünf weitere Mannschaften mischen wir ganz vorne im Meisterschaftskampf mit. Grübel also ruhig weiter über das Raum-Zeit-Kontinuum, Kollege Bulwa. Während du noch rechnest, bringen wir schonmal die Masse für den nächsten Spieltag in Bewegung.
Erst Gießkannen, dann Schmetterlinge und jetzt ein ganzes Zoo-Theater – Chapeau an die Kollegen, die Liga-Presse ist pures Gold! Kees van edam liefert mit seiner Giraffen-auf-Servietten-Zeichnung feinste Taktik-Satire, während Nakata Gutschi mit barfüßiger Zen-Meditation im Bambuswald literarische Glanzpunkte setzt. Wenn dann noch Meister Wolfgang Lippert versonnen mit Gabi im Park sitzt, Praktikanten vorschickt und Nigel Clough sein Heim-Desaster betrauert, verneigt sich Sapporo vor so viel poetischer Kreativität.
Aber genug des süßen Lobes, Schnittblumen beiseite. Wie bereits im letzten Artikel unmissverständlich klargestellt: Quantenphysik und Gravitations-Ausreden könnt ihr am Strand
diskutieren, aber nicht bei Consadole Sapporo! Bei uns im hohen Norden regiert die eiskalte Thermodynamik. Wenn der Boden gefroren ist, zerschellen Giraffen-Servietten, Park-Romantik und Zen-Bambus eben krachend an der Realität. Während ihr noch den Neigungswinkel des Rasens vermesst, schaufeln wir den Strafraum frei und sacken die Punkte ein.
Der detaillierte Befund auf dem Platz (ZAT 4):: Bei Mito HollyHock ließen wir uns zwar auf der schiefen Wiese noch mit einem knappen 0:1 abkochen, aber dafür brannte im Heimspiel das ewige Eis: In einer atemberaubenden 5:4-Schlacht gegen Nigel Cloughs Urawa Red Diamonds haben wir das Torspektakel des Spieltags gefeiert. 15 Punkte, 17:10 Tore, Platz 3 in Lauerstellung zur Spitze!
Man staunt über das japanische Kuriositätenkabinett, nicht zuletzt in der Zeitung: kees van edam kassiert in Mito neun Dinger im Basketball-Modus, verliert 4:5 und erklärt der staunenden Weltpresse mit ernster Miene, dass der Platz physikalisch schief war, die Gießkanne rebellierte und zwei Schmetterlinge den Ball ins Tor pusteten! Großes Kino! Während in Sendai also Windstöße verwarnt, Torpfosten verhört und Greenkeeper als Taktik-Götter gefeiert werden, bleibt man bei Consadole Sapporo gewohnt pragmatisch. Bei uns im hohen Norden Japans ist der Boden gefroren, der Rasen bretthart – und wenn der Ball ins Netz fliegt, lag es garantiert nicht an der Erdanziehungskraft.
Ein weiterer Blick auf die Mitbewerber unterstreicht zudem den allgemeinen
Wahnsinn:
* Vorjahresmeister Wolfgang Lippert taumelt mit Avispa Fukuoka trotz des ersten Dreiers weiter im Tabellenkeller auf Platz 15 herum
++ Nigel Clough redet bei den Red Diamonds von Heimstärke und Konstanz – und fängt sich prompt eine 1:5-Heimklatsche plus 0:3-Auswärtspleite zum Absturz auf Rang 13 ein.
+++ Und Nakata Gutschi wirft derweil weiter Zen-Kiesel ins Meer und meditiert über die hohe Kunst des Minimalismus.
Lasst die Kollegen ruhig Quantenphysik studieren, mit Grashalmen flüstern oder philosophische Teekränzchen abhalten – Roquatoni schießt Kashiwa Reysol mit 4:0 vom Platz und sammelt die Punkte eiskalt im Windschatten auf Platz 3. Wir brauchen keine Ausreden mit Gießkannen: Wenn Sapporo zuschlägt, fallen die Tore bergab. Immer.
Da analysiert man das Tableau und muss leicht schmunzeln: Die J-League liebt das große Theater an ZAT 2
+ Armando Broncas IV hatte uns vor dem ZAT noch ehrfürchtig als „echten Prüfstein“ für seine Yokohama F. Marinos auserkoren. Nun ja - wer gegen Sapporo antritt, muss sich eben auch vernünftig vorbereiten
+ Meistertrainer Wolfgang Lippert versinkt mit Avispa Fukuoka völlig punktlos (!) im Tabellenkeller.
+ Und während die Kollegen das Drama sezieren, wir spielen erst an Spieltag 9 gegen den Meister schleichen wir uns klammheimlich durch den
Windschatten.
Ausblick auf ZAT 3
* Mission 1: In Tokio bei Tokyo Verdy antreten. Die stehen auf Rang 15 und haben mit minus 10 Toren die Schießbude der Liga aufgestellt. Klingt auf dem Papier nach Pflichtaufgabe? Genau bei solchen Spielen friert im Norden das Lächeln für gewöhnlich ein,?.
* Mission 2: Das Heimspiel gegen Aufsteiger Kashiwa Reysol. Die haben gerade sechs Punkte auf dem Konto und wackeln zwischen Genie und Wahnsinn.
* Wetterbericht aus Sapporo: Kalt, sturmfest und völlig unberechenbar. Wenn der Greenkeeper aus Sendai den Schlüssel zum Erfolg sucht – wir haben ihn vorsorglich vergraben!
Abe Lenstra feiert die japanische Arbeitsmoral und die 100-Prozent-Quote, Kees van Edam sucht mit dem Greenkeeper nach Schlüsseln und Tore Bulwa bläst in Osaka zur großen Titeljagd, nur um sich direkt eine 0:3-Klatsche abzuholen.
Und während Meisterphilosoph Nakata Gutschi seine Zen-Steine ins Wasser wirft und das minimalistische 1:0 zelebriert, stehen wir mittendrin: Erst ein glattes 3:0 gegen Yokohama FC, dann die knappe 0:1-Lehrstunde bei eben jenen Minimalisten aus Shonan.
Platz sechs, 3:1 Tore, drei Punkte. Ob ich da schon wieder zu viel hineininterpretiere? Vielleicht. Aber es ist verdammt schön, diesen Puls der Liga zu spüren und darauf aufzubauen. Ein absolut gelungener Auftakt für Consadole Sapporo!
Existenzielle Widersprüche in Japan, was für ein Kontrast aus purem Glück und totaler Unklarheit. Wir kleben mit 31 Punkten auf Platz zehn dieser unklaren Konstellation, wo man sekündlich in den Abgrund stürzen und verdammt noch mal einfach absteigen kann! Aber halt, dieses unfassbar knappe, dreckige 1:0 gegen den Yokohama FC, das war der doch Rettungsanker trotz der brutalen 0:4-Vernichtung in Osaka. Ein hauchzartes Lebenszeichen, das in dieser Konsequenz womöglich doch plötzlich alles verändert und uns vielleicht doch noch irgendwie den Allerwertesten rettet.
Völliges Chaos in der J.League. Consadole Sapporo kämpft verbissen gegen den Abstieg, und das Wunder vom Klassenerhalt ist trotz allem irgendwie noch machbar. Wie das geht? Reine Glückssache, denn ich habe es in dieser Saison ja teilweise nicht mal pünktlich bis zum eigentlichen Spielplatz geschafft. Krisenmanagement auf Japanisch. Einmal hab ich vergessen zu setzen, weshalb das Mittelfeld völlig ohne Absicherung dastand und der Matchplan implodierte. Das alles ergibt absolut keinen Sinn, ergibt aber gleichzeitig den perfekten Sinn. Ich freue mich jetzt einfach nur noch riesig auf das Saisonende bei Consadole Sapporo!
Der letzte Spieltag lief für uns auf Hokkaido leider völlig verkehrt. Trotz einer riskanten Marschroute und teuer gesetzter Auswärtstor nach dem Schlusspfiff mit leeren Händen da. In dieser rundenbasierten Welt, zeigt die Kurve nach dem jüngsten Dämpfer jetzt erst einmal nach unten.
Genau diese sportliche Dynamik verlangt jetzt nach einer feinsinnigen Einordnung der Ereignisse. Man will das Erlebte schließlich reflektieren und in die richtige Form gießen, damit die mühsam erarbeitete Basis im Tabellenmittelfeld nicht im Nirgendwo verpufft.
Was für ein wilder Ritt! Die Saison läuft auf Hochtouren, und in diesem taktischen System habe ich mit meiner Mannschaft schon relativ viele TKs im Netz untergebracht.
Wir bieten den Fans einfach alles: Von bitteren Pleiten über zähe Nullnummern bis hin zu vogelwilden Neun-Tore-Festivals ist in diesem Saisonverlauf echt alles dabei.
Gerade nach den letzten torlosen Partien und den knappen Siegen tut diese schriftliche Aufarbeitung richtig gut. Man muss die engen Ergebnisse und den wilden Rhythmus der Liga einfach mal in Ruhe sortieren, um den Überblick im dichten Spielplan nicht komplett zu verlieren. Nur wer die Entwicklung regelmäßig festhält, kann den roten Faden für die nächsten Aufgaben erfolgreich weiterspinnen.
Nach Brasilien und England dachte ich, die Tastatur hätte Feierabend. Falsch gedacht.
Ich bin ja jetzt auch Trainer in Japan, auch das läuft alles schon ein paar Wochen. Eigentlich ist es absolut ironisch: Ich sitze hier in Fernost und falte Texte wie Origami. Ich muss jetzt diesen Japan-Artikel schreiben, damit der England-Artikel und der Brasilien-Artikel überhaupt einen Sinn ergeben, weil man ja eben Artikel über Artikel schreiben muss, um aus Artikeln überhaupt Artikel zu machen! Versteht ihr? Ich schreibe also einen Artikel über das Schreiben von Artikeln in Japan, damit hier am Ende ein Artikel steht.