Von unserem Korrespondenten aus Monterrey wo die Liebe ein Comeback feiert und der sportliche Ruf beerdigt wird.
Es gibt Comebacks, die sind filmreif. Und es gibt Pepeke Guevara. Der mexikanische Lebemann hat seine Popoke zurückerobert, doch während Amor endlich wieder Vollgas gibt, steht die Trainerkarriere vor einem Totalschaden. Die Liebe blüht, der Ruf verwelkt. ¡Qué vergüenza, hombre! Wer braucht schon eine Telenovela, wenn man die Saison der UANL Tigres verfolgen kann?
Natürlich kann eine Spielzeit mal in die Hose gehen. Doch was Pepeke hier abgeliefert hat, ist keine gewöhnliche sportliche Krise mehr, sondern ein Bewerbungsschreiben für die Hall of Shame. Diese hässliche Platzierung wird in den Geschichtsbüchern verewigt sein. Für immer! Selbst wenn Pepeke irgendwann acht Meisterschaften holt, wird irgendein Statistik-Nerd (Anm.d.Red.: Ich weiß auch schon wer) diese Saison ausgraben und fragen: „Oye, Guevara, was zum Teufel war denn damals los?“
Besonders demütigend: Santos Laguna liegt zwei Plätze vor den Tigres. Santos! Da muss man sich fragen, ob die Raubkatzen sich inzwischen von Pudeln besteigen lassen und dabei noch Spaß haben.
Und dann dieser Herbster! Immer wieder Thema im Hause Guevara. Der große Stadtrivale CF Monterrey zieht den Tigres die Hosen aus und hängt sie zum Trocknen auf den Plaza de Explanada de Rectoria. Während Herbster vermutlich schon die nächste Siegerrede probt, darf Pepeke erklären, warum seine Mannschaft die Saison mit der Eleganz eines betrunkenen Esels beendet hat. ¡No puede ser! Ausgerechnet der Erzrivale! Da schmeckt selbst der Tequila nach Niederlage.
Professor Roquo aus der Hauptstadt dürfte derweil seine Vorlesung längst um ein neues Fach erweitert haben: „Wie man Guevara sportlich vorführt – Grundlagenkurs für
Fortgeschrittene“. Vielleicht verteilt er sogar Skripte. „Kapitel eins: Man braucht keine Magie, um besser als die Tigres zu sein.“
Zu Hause wartet immerhin Popoke. Doch auch sie kann nicht verhindern, dass ihr marido inzwischen zum Gespött der Liga geworden ist.
„¡Ay, Popoke! Ich bin eine vergüenza nacional! Ich kanne nicht mehr, mujer! Bald frage die Leute, ob ich überhaupt weiß, wo bei eine táctica defensia y Angriff ist!“
Popoke nimmt Pepeke in den Arm. „Mi amor, tranquilo. Du bist ein guter Mann. Eine ssschlechte Saison macht disse nicht zu eine ssschlechte Mensche.“
„Pero, mi vida, ich bin doch Trainer! Wenn ich ssso weitermache, engagieren sssie mich bald nur noch als Maskottchen!“
„Dann sei wenigstens ein hübsches Maskottchen, cariño. Und hör auf, ständig Herbster, Roquo, Don Limon, die Typen aus Guadalajara und sogar disse fubini anzuschaue. Konzentrier dich auf deine Mannschaft!“
Pepeke wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. „ Du hast recht, mi reina. Manana fange ich neu an! Und irgendwann isse wieder 09.10.! ¡El día de la venganza! Dann werden ssie alle schon sehen, was sie davon haben, über Pepeke Guevara zu lachen!“
Popoke lächelt. „Genau, mi amor! Aber diesssmal bitte mit eine Plan. Rache isschön, aber drei Punkte wären noch schöner.“
Pepeke geht mit erneuter Motivation in seine Analyse, doch selbst am nächsten Morgen wartet die nächste Demütigung: Don Limon hat die Lieferungen nach Monterrey eingestellt. Keine Limetten mehr für Pepeke. Offenbar ist selbst der Zitrusfrüchtehändler der Meinung, dass diese Saison zu sauer schmeckt. Er soll gesagt haben: „¡No, gracias! Ich beliefere keine Mannschaft, die aus einer ganzen Saison eine Margarita ohne Tequila macht!“
Von unserem Korrespondenten aus Monterrey, der langsam den Glauben an die mexikanische Fußballwissenschaft verliert.
Gerade erst hatte Pepeke Guevara, Trainer der UANL Tigres, seine Motivation wiedergefunden, die Meisterschaft ernst zu nehmen. Wobei: Seit Spieltag 4 war der Titel ohnehin kein Thema mehr. Kaum kehrte der Ehrgeiz zurück, ging es mit den Tigres erneut bergab. Zufall? Verschwörung? Oder einfach Fußball?
„¡Ay, caramba, mis amigos! Sechzig Gegentore! Wir haben die schlechteste Abwehr von toda la Liga! Das ist keine Verteidigung, hombre, das ist ein Open-Air-Supermercado für gegnerische Stürmer!
Es stellt sich die große Ursachenfrage: Liegt es an Popokes Rückkehr? Am Dreier mit Trainer Herbster? An Guevaras bisheriger Lethargie oder an der Antipathie der Ligatrainer gegenüber dem Meistertrainer?
„¡Órale, compadres! Ja, Herbster, Popoke und ich, nosotros tres, wir haben uns versöhnt. Alles wieder amor und mucha diversión. Aber, kein Grund für Neid, amigos! Trotzdem: Sechzig Gegentore sind demasiado. ¡Muchísimo! Ich werde den Torwart wechseln. Vielleicht halte der Neue eine Ball, bevor ich ssselbe ins Tor muss, ¡madre mía!“
Auch International ist für die Tigres Schluss. Hijos de puta!Die große Fußballbühne muss ohne Guevaras Mannschaft auskommen und macht den
Titel unter sich aus.
Gegen UNAM wird es nun ernst. Die schauen nach oben, während Tigres befürchten muss, demnächst im Tabellenkeller die Miete zu zahlen.
„¡Escúchenme bien, muchachos! UNAM will arriba, nosotros wollen nicht weiter abajo. Das ist doch simple matemática! Wenn wir noch tiefer fallen, spielen wir bald gegen die Mannschaft vom Parkplatz. Und die haben, ¡ay Dios mío!, wahrscheinlich auch noch einen besseren Torwart!“
Tatsächlich beschäftigt den Trainer die Meisterschaft in dieser Woche mehr als seine wiedergewonnene Liebe. „Claro que estoy feliz mit meiner Popi! ¡Mi Popi es mi corazón! Aber ich habe auch einen Ruf zu verlieren. Ich fühle mich hier in Mexiko pudel-fini-wohl. Hier will ich bleibe. Pero, dafür brauche wir resultados, hombre! Liebe isse schön, aber hält keine Elfmeter!“
Der neue Schlachtplan steht: Zitronen und Limetten pressen, den Tequila vorerst wieder aus dem Körper verbannen – diesmal für bessere Konzentration –, Gegner analysieren und retten, was noch zu retten ist.
„¡Vamos, Tigres! Ab heute menos fiesta, más táctica! Die Fans hoffen, der Torwart zittert und der Assistent hat vorsorglich Limetten nachbestellt.
Denn wenn der Mexikaner wieder nüchtern analysiert, kann alles passieren. Selbst ein Sieg.
¡Ándale, Tigres!
Von unserem Korrespondenten, der seit dem 9. Oktober seiner Freundin nichts mehr zu beichten hat
Es gibt Tage, an denen eine Saison ihren Höhepunkt erreicht. Und es gibt den neunten Oktober. Ehrlich gesagt müsste die Spielzeit hier enden: Pokal überreichen, Flutlicht aus, alle nach Hause. Alles danach ist bloß Nachspielzeit.
Der Grund: Pepeke Guevara hat seine Popoke wieder am Frühstückstisch! Die Tacos mit grünscharfer Soße haben endlich wieder einen Abnehmer, die Tequilaflasche darf zurück ins Regal, und die Taschentücher gehen an die Wohlfahrt. CF Monterrey? Abgefrühstückt. Mit Guacamole, ohne Zitrone, dafür mit der viel beliebteren Limette in Mexiko.
Das ganze Land ist außer Rand und Band. Jede Stadt in Mexiko benennt Monumentales nach diesem Tag, in Torreón trägt sogar ein ganzer Platz den Namen: Plaza de nueve de octubre, inklusive Gedenktafel. Alle Hunde der Stadt jaulen „Viva el nueve de octubre“ himmelhoch bis in die Morgenstunden.
In Mexiko-Stadt hat es der Tag bereits in den Studentenslang der Autónoma geschafft: Wenn die Freundin den Seitensprüngen ihres Freundes mit gleicher Münze heimzahlt, heißt es nur noch: „Ich hab diesem Hijo de puta un nueve octubre gemacht.“
Und in Monterrey wurde ein neuer Feiertag ausgerufen: „El Día de la Venganza“. Einmal im Jahr wird nun am 9.10. mit Wohlwollen Gerechtigkeit gesucht, ganz nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“. Der Bürgermeister der Stadt lud dazu zwei Männer auf die Plaza de la Justicia: Herbster vom Stadtklub CF Monterrey und Pepeke Guevara aus dem nahe gelegenen Nuevo León. Die Security trug vorsorglich Schutzwesten und Hundekekse. Dann trat der Bürgermeister ans Mikrofon, strahlte in die Menge und bat die beiden Streithähne um ein paar Worte. Herbster räusperte sich als Erster.
Trainer Herbster trat ans Rednerpult:
„Liebe Bürgerinnen und Bürger von Monterrey! Ich stehe heute hier, blasser als sonst, aber mit geschwellter Brust. Wir feiern den Tag der Rache, und ich muss gestehen: Ich habe da etwas Erfahrung. Pepeke und ich verbindet eine lange Geschichte aus Flüchen, Hundehaaren und
sehr viel Zitronensaft. Ich habe darüber viel Schlaf verloren, er viel Tequila. Ich gebe zu, einen Hund als Spion einzusetzen, war moralisch fragwürdig. Und die Nackenfalte als Versteck für die Kamera war auch keine Glanzidee. Ich habe gelogen und integriert. Nur eine Sache bereue ich wirklich: dass ich dabei erwischt wurde. Und natürlich ein Gruß an den Starpsychologen Roquo, der bei dieser ganzen Sache zugeschaut, zugehört und zahlreiche Sitzungen mit mir abgehalten hat. Du hast mir stundenlang genickt und ‚Interessant, erzählen Sie mehr‘ gesagt. Ich weiß nicht, ob du mich geheilt hast, Roquo, aber deine Rechnungen waren jedenfalls das Einzige in dieser Saison, das pünktlich eingetroffen ist!“
Herbster neigte seinen Kopf zu Pepeke Guevara, wendete seinen Körper leicht zu ihm, streckte die rechte Hand in seine Richtung und sagte:
Zum Schluss möchte ich sagen, wer einen so würdigen Gegner wie dich hat Pepeke, braucht keine Freunde mehr. Mein lieber Freund und Kollege, ich reiche dir die Hand.
Pepeke ging auf ihn zu, sein Blick inzwischen sehr angetan von der Rede und umarmte ihn. Nahm sein Hand und hielt sie gemeinsam mit seiner in den Himmelhoch. Die Menge jubelt. Dann trat Pepeke ans Rednerpult:
„¡Ay, mis queridos ciudadanos de Monterrey! Ich danke euch, dass ihr mich eingeladen habt. Der Tag der Rache, ¡qué bonito! Ein Tag, an dem man endlich sagen darf: Was du mir antust, tu ich dir auch an. Ich hab geweint wie ein Wasserfall, hab mit der Tequilaflasche gesprochen, und immer mit Bild von meine Frau geredet! Aber jetzt ist meine Popoke wieder da, und ich bin ein glücklicher Mann, un hombre feliz.
Y ahora, mi amigo`erbster, schau mich an. Du hasse meine Abwehr zerlegt, meine Herz wie Nachts zerbrösssselt, und Hund Fubini als Spion eingesetzt, ¡cabrón! Pero, weißt du was? Ohne dich, diesse Derby wäre wie eine lahme Hund. Du bisse mi größter pendejo, pero mi pendejo, ¿entiendes? Komm her!
Sie umarmten sich wieder.
Ein Mariachi spielte, man hörte jemanden singen. Strophen wie aus einem psychologischen Lexikon. Ein Kind weinte, und irgendwo in der Ferne bellte leise, aber hörbar, ein sehr zufriedener Fubini.
Von unserem Korrespondenten, dem die Möbeltrümmer zählt und seit 45 Stunden die Uhr anstarrt und nicht mehr blinzelt
Der 9. Oktober ist in aller Munde. Jeder Sender, jede Zeitung, jeder Taxifahrer von Monterrey bis Mexiko City spricht davon. Nur einer hat keine Ahnung: Pepeke Guevara. „9.10.? Qué chingados ist am neunte Oktober?“, murmelt er und starrt auf seinen Handrücken, wo die Tinte schon verschmiert ist. Die Ungewissheit macht ihn nervös, so nervös, dass er das Tequilaglas zum ersten Mal seit Wochen länger anschaut, als er es leert.
Da klopft es. Guevara erstarrt. „Wer kann das sein? Seit Popoke weg ist, kommt niemand mehr. Nicht mal der Pizzabote traut sich.“ Er schleicht zur Tür, und dann steigt ihm ein Duft in die Nase. Vertraut. Und diesmal tatsächlich: Jasmin. Morgentau. Und etwas, das sich verdächtig nach Liebe anfühlt. Er zittert. Langsam öffnet er die Tür einen Spalt und blinzelt hinaus. Seine Augen werden so groß wie die Zitronen aus Pachuca.
„POPOOOOOKEEEEE!“
Er reißt die Tür auf, presst sie an sich, wirbelt sie durch die Wohnung. Die wenigen Möbel, die seinem letzten Wutanfall noch standgehalten hatten, geben nun unter der Last der Freude nach. Der Tisch kracht. Der Stuhl seufzt und stirbt. Don Julio duckt sich.
Dann stoppt er. Das Foto! Er setzt sie sanft, aber erstaunlich zügig ab und weicht einen Schritt zurück. „Popoke, du ware bei diesse ’erbster? Wass ssolle das? Du biss mi amor des Lebens, mi vida! Un ausgerechnet diesse pendejo?!“ Dem angeblich KI-generierten Bild glaubt er sowieso nicht. Er verschränkt die Arme. „Rede, mujer!“
„Du Dummerche“, sagt Popoke und streicht ihm über die Wange. „Ich ware doch nur da, um diese Widerling auszuspioniere. Ich habe ihn verführt, Nähe gezeigt, so getan als ob. Diesse notgeile, sssabbernde Kerl konnte natürlich nicht widerssstehe. Haare, Fingernägel, ein bisschen Sssabber, alles habe ich mitgenomme.“
„Du hast ihm die Fingernägel geschnitten?“
„No mi amor, diesse Idiot hat sich beim Aufknöpfen seiner pantalones vor Aufregung selbst eine abgebroche.“
Jetzt haben wir genug für eine neue Fluch. Un glaub mir, diesse wird gigante!
Orale, jetzt ich verstehe, warum
du bist gegange. „Siii´mon, ich musste gehen, sonst hättest du nie geglaub was für Heuchler diesse ´erbster is,“ erwidert sie. „Hier, ich 'abe noch eine Brief von ihm dabei. Er 'at ihn in meine Name geschrieben.
Guevara nimmt den Umschlag, hält ihn unter die Nase und rümpft sie sofort. Er riecht nach diesse ‚erbster. Ohne ihn zu öffnen, legt er ihn beiseite, wie einen nassen Hund.
Langsam beruhigt er sich, ganz glauben kann er es aber noch nicht. „Dieser ’erbster redet schon von Frauenhaus und Fakebilder, diesse nasse `und.“
Und plötzlich, mitten im Jasmin. Das Datum. Der 9. Oktober!
„¡Ay, Dios mío!“, ruft er laut. „Jetzt fällt mir ein.“
Er schiebt das Tequilaglas beiseite. Langsam, feierlich, wie ein Mann, der einem alten Freund auf dem Sterbebett die Hand drückt. Zum ersten Mal seit Wochen bleibt sein Blick klar. In seinen Augen, eben noch glasig vom Don Julio, lodert etwas, das man in Monterrey schon für ausgestorben hielt: der Tiger.
„Das Derby, mi amor“, ruft er, und seine Stimme bebt wie die Erde vor dem großen Beben. „Es komme. Und diesmal Pepeke Guevara nicht kämpfe für Punkte, nicht für Tabelle. Er kämpfe für Ehre, für Liebe, für Popoke!“
Die Motivation steigt in ihm auf wie Lava, heiß, gewaltig, unaufhaltsam. Die Adern an seinem Hals pochen, die Fäuste ballen sich, und irgendwo im Hintergrund, so schwört der Korrespondent, setzt unsichtbar ein Mariachi-Orchester ein.
Ganz Mexiko hält den Atem an. Roquo, der Starpsychologe von den Pumas, zückt interessiert sein Notizbuch, denn so ein Fall sprengt jedes Lehrbuch. Fubini, der noch immer seine Anna sucht, wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Und die Guadalajara-Gang, Maverick und El Campeche, starren auf den Bildschirm wie auf das Finale einer Telenovela, die Hände vor dem Mund, die Popcorntüten längst vergessen.
Juan Ladron hält es nicht mehr aus. Die Spannung, die Wucht dieses Aufeinandertreffens, das Zittern in der Luft: zu viel für sein Nervenkostüm. Mit bleichem Gesicht winselt er: „Das ist mir zu heftig“, und verzieht sich.
Von unserem Korrespondenten, der jetzt auch schon Zitronen im Schlaf riecht
Das Schweigen hält an. Guevara spricht nicht mehr, nicht mit der Presse, nicht mit seinen Co-Trainern, kaum noch mit sich selbst. Und als wäre das nicht genug, hauen nun auch noch die Peruaner auf ihn ein. Kollektiv, gnadenlos, als hätte sich ganz Südamerika verschworen, ausgerechnet jetzt über ihn herzufallen. Er aber? Lethargisch. Fast schon friedlich in seiner Verzweiflung. Der Tequila schmeckt nach wie vor, doch die Tacos, ihre Tacos, mit der grünen scharfen Sauce, fehlen ihm mehr als jedes Spielergebnis.
Das nächste Spiel kommt da wie gerufen. Ablenkung! Er hat eigens 50 Kilogramm der besten Zitronen aus Pachuca bestellt. Eine Wand aus Säure, hinter der sich die Erinnerung an Popokes Frühstück vielleicht endlich verstecken lässt. Das Spiel selbst? Interessiert ihn nicht die Bohne.
Während er so vor sich hin sinniert, bewegt sich die Klappe an der Tür. Es ist 2:30 Uhr nachts. Eine Hand! Behaart, dick, definitiv nicht Popokes zarte Finger. Schiebt einen weiteren mysteriösen Brief durch, der auf die Fußmatte fällt. Neugier siegt über Lethargie. Er stürzt zur Tür, reißt sie auf – und sieht nur noch einen etwa 1,50 Meter kleinen Mann mit dickem Arsch und Sombrero um die Ecke flitzen. „¡Qué cabrón!“, denkt er.
Der erste Brief liegt noch immer ungeöffnet neben Popokes Bild. Dieser hier riecht anders. Ein Hauch Reue, aber immer noch, unverkennbar, nasser Hund. Diesmal öffnet er
ihn.
„Mein liebster Freund und Weggefährte“, liest er, die Stimme im Kopf schon zitternd. „Ich wollte nicht, dass Popoke dich verlässt. Aber ich hatte keine Wahl. Der Verlust der Meisterschaft hat mich sehr getroffen. Da musste ich mich rächen. Dass sie gleich geht, hätte ich nicht gedacht. Ich möchte dir nur mitteilen: Popoke ist bei mir eingezogen. Ich weiß, du wirst das verstehen. Dein Herbster.“
Beigefügt: ein Foto, Arm in Arm, Popoke und Herbster, lächelnd wie ein Hochglanzpärchen aus einer schlechten Seifenoper.
„¡Hijo de puta!“, brüllt Guevara, so laut, dass sämtliche Hunde des Landes aus dem Schlaf schrecken, die Zitronenbäume in Pachuca erzittern und in jedem Therapieraum der Republik die heilige Stille zwischen Patient und Therapeut zerreißt. Gläser fliegen, Möbel kippen. „¡Ese cabrón, ese traidor! Nach allem – nach ALLEM, was ich für ihn getan habe, nimmt er mir meine Popoke!“
Er tobt durch die Küche, tritt gegen den Kühlschrank, reißt sich das Hemd auf. „Ich werde in seinen fetten Arsch treten. Nein, ich werde ihn töten“, keucht er, außer Atem, außer sich, ein Mann jenseits jeder Vernunft. „Ich schwöre bei meiner Mutter, bei allen Heiligen von Monterrey – dieser Herbster wird bezahlen!“
Und während sich die Wut auslädt, in einem kurzen stillen Moment - wieder da! Dieses Datum: 09.10.26. Er schaut auf seine Handfläche. Da steht es noch. „Mierda, was war da nochmal?“
Von unserem Korrespondenten, der inzwischen Don Julio persönlich kennt
Ein Brief. Kein Absender. Nur ein zartes, aufdringliches Parfüm, das sich durch den ganzen Trainertrakt zieht. Guevaras Hände zittern, als er ihn hält – ist es möglich? Ist sie es, endlich, nach all den leeren Gläsern? Er führt ihn an die Nase, schließt die Augen, atmet tief ein.
Und stutzt.
Nasser Hund. Ein Hauch von Zitrone. Und dann - unverkennbar, beißend, widerlich vertraut –Heuchelei. Scheinheiligkeit in Reinform, destilliert in Papier gegossen. Er riecht noch einmal, ungläubig, fast beleidigt von der eigenen Nase. Nein. Das kann, das darf nicht Popoke sein. Ihr Duft war Jasmin, war Morgentau, war Liebe. Dieser hier ist etwas anderes. Etwas Falsches.
„No puede ser ella“, denkt er in den leeren Raum hinein. „Mi amor Popoke riecht nie ssso. Das hier, das ist
Trick, cabrón. Jemande will mich verarsche.“
Er legt den Brief ungeöffnet zur Seite, greift stattdessen nach seinem treuesten Vertrauten: Don Julio. Ein tiefer Schluck. Die Welt interessiert ihn nicht mehr – Briefe, Tabellenplätze, gar nichts.
Da, wie ein Blitz: ein Datum. 09. Oktober. War da nicht etwas? Mit zittriger Hand kritzelt er es sich auf den Handrücken, als könnte die Haut sich besser erinnern als der Kopf. Er schenkt nach, Kopf in den Nacken, Zitrone hinterher. Ein Beben, ein Seufzen. Das saß.
Was war noch mal mit diesem Datum? Ach egal. Er sinkt zurück an den Tisch, Popokes Foto ihm gegenüber, stumm wie immer. Noch ein Schluck. Das Datum geht ihm aber nicht aus dem Kopf.
Und wieder dieser Geruch in der Nase – nasser Hund, Zitrone, Heuchelei. Ein Brief ohne Absender, ein Mann ohne Antworten. Was bisher geschah, so scheint es, ist noch lange nicht vorbei.
Von unserem Korrespondenten, der jetzt auch schon nach Tequila riecht
Ergebnisse? Wen interessieren die noch. In Mexiko zählt längst nur noch die Tabelle und die Geschichten drumherum, von denen jede für sich schon telenovela-tauglich wäre, würden sie sich nicht alle gegenseitig in die Suppe spucken.
Pepeke Guevara schweigt. Er schweigt, wie nur ein gebrochener Mann schweigen kann – nicht aus Trotz, nicht aus Kalkül, sondern weil die Worte ihm irgendwo zwischen Ehebett und Trainerbank abhandengekommen sind. Seine Presseabteilung wagt es kaum noch, ihn anzusprechen. Letzte Woche verbot er ihr gar, auch nur eine einzige Zeile zu veröffentlichen. Ein Mann, der sich selbst zum Schweigen verdammt hat, als wäre das die letzte Kontrolle, die ihm in seinem zerfallenden Leben noch geblieben ist. Erst der Anruf des Präsidenten, dieser eisernen Stimme von oben, presste ihm ein paar dürre Sätze ab. Druck wirkt eben schneller als jeder Therapeut – schneller auch als die Tequila, die inzwischen kaum noch betäubt, sondern nur noch begleitet.
Derweil in Coyoacán: Trainer Roquo, einst nur schmuckloser Übungsleiter seiner Studenten-Kicker, steigt gerade hauptberuflich zum gefragtesten Starpsychologen der Liga auf – Talkshows, Ratgeberkolumnen, druckreife Weisheiten über Selbstliebe und mentale Stärke inklusive. Nur seine eigenen Pumas scheinen von all der geballten Seelenkunde herzlich wenig mitzubekommen. Sie treten auf der Stelle, genau wie die anderen Raubkatzen aus Nuevo León, als hätte ihr Trainer seine gesamte Empathie fürs Fernsehpublikum aufgespart und für den eigenen Kader schlicht nichts mehr übrig.
Don Limon derweil, ausgepresst bis zum letzten Tropfen, befindet sich aktuell auf Weltklasse-Niveau und produziert Sätze, die so belanglos sind, dass sie noch vor dem Aussprechen verdunsten. Kürzlich verwechselte er Guevara doch tatsächlich mit einem Steppenfürsten, vermutlich Fieber, vermutlich vom Tabellenplatz
befeuert.
Und dann Fubini: Auch er sucht seine Anna. Verschwinden hier reihenweise die Frauen, oder hat einfach nur Limon zu viele Antworten und zu wenig Gewissen?
Nebenan, beim Erzrivalen, büßt der schrecklich unsympathische Herbster verdientermaßen auf der Therapeutencouch. Bösartigkeit, so scheint's, hinterlässt eben doch Spuren – auch mental. Und man muss sagen: Es geschieht ihm recht. Sein Team dümpelt so verdient erfolglos durch die Saison wie er selbst durchs Leben stolpert – planlos, hochnäsig, ohne jeden Funken taktischer Weitsicht. Eine Fünferkette, die aussieht wie freundschaftliches Zusammenstehen beim Grillfest, ein Pressing, das eher an Spaziergang erinnert als an Fußball – Herbster taktiert, als würde er sich selbst am liebsten sabotieren, und trifft damit, so bösartig es klingt, endlich einmal ins Schwarze.
Vielleicht, so raunt man in den Katakomben der Liga, sei es gar keine Bosheit mehr, sondern schlicht Erschöpfung, die aus ihm spricht. Ein Mann, der so viel Häme über andere ausgeschüttet hat, dass ihm am Ende nur noch das eigene Scheitern als Gesellschaft bleibt. Die Tabelle straft ihn, wie er andere gestraft hat – ein kleines, bitteres, fast schon gerechtes Gleichgewicht des Universums.
Guevara selbst sitzt derweil zuhause, dem Foto von Popoke gegenüber aufgestellt wie ein kleiner Hausaltar der verlorenen Liebe. Er schenkt sich ein Glas ein, dann eins für sie, trinkt beide – und schenkt wieder nach, immer und immer wieder, als könnte sich in der Wiederholung irgendetwas heilen. Er vermisst die scharfen grünen Tacosaucen zum Frühstück, ihre Haare, die Stupsnase, die Kurven, die er nie in Worte fassen konnte und es auch jetzt, in seiner stummen Trauer, nicht versucht.
Seine Tigres gehen derweil unter peruanischem Einfluss unaufhaltsam baden. Ihn kümmert's kaum. Er fragt sich nur eines, immer wieder, in die Stille und ins Schweigen hinein: Sieht er seine Popoke jemals wieder?
Von unserem Korrespondenten, der Taschentücher jetzt kistenweise ordert ¡Ay, Dios mío! Was ist geschehen mit dem Mann, der noch letzte Woche fluchend und weinend auf dem Beifahrersitz seiner eigenen Tequila-Flasche das Herz ausschüttete? Das Studenten-Derby gegen die UNAM Pumas ist längst Geschichte, doch was zurückblieb, ist schlimmer als jede Niederlage: Schweigen. Pepeke Guevara, der Tiger vom Küchentisch, hat aufgehört zu fluchen, und das, amigos, ist ein schlechteres Omen als jedes Gegentor. Der amtierende Meister dümpelt weiter auf dem letzten Tabellenplatz, während sein Trainer sich in sein Haus zurückgezogen hat wie ein verwundetes Tier in seine Höhle.
Doch während einer schweigt, jubelt ein anderer: Don Limon, dessen Selbstverliebtheit so grenzenlos scheint wie die Weite der Sierra Madre, feiert sich selbst unter dem gnadenlosen Himmel Mexikos. Gut, dass wenigstens für einen die Sonne scheint, während andere
im Schatten verglühen. Und Herbster, dieser puta madre! Der einst so Beschuldigte, der Pepekes Ehe auf dem Gewissen haben soll, beginnt nun selbst eine Psychotherapie. Gewissensbisse, sagt man. Echte Reue oder nur ein weiteres Kapitel seiner Scheinheiligkeit? Das Volk von Monterrey trauert.
Dann, wie aus dem Nichts, wie ein Wirbelwind aus vergangenen Sünden: Señora Limonetta betritt die Bühne und wirbelt alles durcheinander. Kehrt die bezaubernde, Popoke denn noch zurück? Nach diesen Gerüchten? Gerufen von diesem Aufruhr? Deren Lachen einst die Regenzeit von Monterrey um Wochen verzögert haben soll, der die Männer auf der Straße innehalten ließ, als hätte die Stadt selbst für einen Atemzug den Verstand verloren. Und Roquo, dessen Therapiestunde sich füllen wie die Regenwolken vor dem großen Unwetter – gibt er sein Trainerdasein endlich auf? Monterrey weint und Pepeke Guevara schwört sich 100 Jahre Einsamkeit.
Von unserem Korrespondenten, der Taschentücher im Dutzend kauft
¡Qué cabrones! Zwanzig Gegentore nach nur sechs Spieltagen – eine Zahl, die selbst hartgesottene Statistiker erblassen lässt. Ist das noch Fußball, oder hat sich hier kollektive Angst breitgemacht, garniert mit einer ordentlichen Portion Hass aus Monterrey? Die Tigres-Abwehr jedenfalls wirkt derzeit so löchrig wie Pepekes Alibi bei der letzten Fluchbattle-Anhörung.
Trainer Pepeke Guevara selbst pendelt inzwischen im Minutentakt zwischen Wut und Trauer. Seine Frau ist weg, seine Verteidigung ist weg, einzig treuer Begleiter bleibt die Tequila-Flasche auf dem Beifahrersitz. Bei der Pressekonferenz, das Hemd halb offen, die Augen glasig, brach es aus ihm heraus: "Ese Herbster, puta madre! Er ist ssschuld, dass mi mujer ist weg! Er nimm immer alles. Hund von arme fubini als SSSpion, dann meine Ehe kaputte, und jetzt auch noch zwanzig Tore kassiere. Qué más quieres, cabrón?!" Ein Assistent versuchte, ihm sanft das Tequilaglas zu entwenden.
„Au ab, pendejo.“ hallte es aus ihm heraus und spuckte dem Assistenten noch hinterher.
Und nun soll er der Scheinheiligkeit des ohne hin schon unglaubwürdigen Herbster glauben schenken? In dieser Minute? Es tue ihm Leid?! „No hombre! Ich glaube dir keine Wort. Meine Popoke komme nich mehr wieder. Ich gewinne keine Ssspiele mehr. Chinga tu madre, carbón!
Tabellenplatz 16, Frau weg, die halbe Liga gegen ihn verschworen – Pepeke fühlt sich, wie ein Mann, gegen den das ganze Universum eine Fluchschüssel angerührt hat. Und ausgerechnet jetzt, in dieser ohnehin schon desaströsen Situation, wartet der nächste Gegner: auswärts bei den UNAM Pumas. Das Studenten-Derby! Und Trainer Roquo, so gebildet er auch sein mag, ist beileibe nicht der zarteste Zeitgenosse auf der Trainerbank. Provoziert und aufgeladen wartet er auf die Antwort auf dem Platz. So hört man!
Während Pepeke den Weg zum Mercato antritt!
Verkäufer: Si señor! Pepeke: Limon y Tequila por favor!
Von unserem Korrespondenten mit Sonnenbrand, Zitronenaroma und null Geduld für Ausreden
Naturgesetz Nummer eins im Fußball: Wer Meister wird, wird gejagt. Naturgesetz Nummer zwei, speziell für Nuevo León: Wer Nachbar von Herbster ist, wird nicht gejagt, sondern regelrecht angegeifert. Der gutmütige, fast schon zu friedfertige Pepeke Guevara darf das gerade wieder hautnah erleben.
Fangen wir mit dem Elefanten im Stadion an: 5:6 gegen Monterrey. Sechs Gegentore. Und jetzt, liebe Leser, die bittere Wahrheit hinter dem Debakel: Insider munkeln, Herbsters Fluch sei diesmal einfach stärker gewesen als der von Popoke Guevarez, der treuen Schamanin im Hause Guevara. Tupperdose mit Chilisoße schlägt eben Ayahuasca– so grausam ist der Voodoo-Markt manchmal. Die Früchte seiner dunklen Künste hat Herbster jedenfalls geerntet, und zwar reichlich.
Pepeke selbst, sichtlich gezeichnet, fand vor der Presse nur bittere Worte: "Órale! Ich sag's dir, dieser puta madre `erbster, der `at mas Ayahuasca im Blut als Kaffee am Morgen. Meine Popoke, die arme, hat alles reingeworfen, ¡hasta el alma!, aber gegen so viel maldad kann man nix machen. Bueno! Eso es como Tacos gegen `Bratwurst – manchmal gewinnt leider die Bratwurst."
Was uns zum eigentlichen Punkt bringt: Dieses Derby ist längst keine gewöhnliche Rivalität mehr. Celtic gegen Rangers? Ein laues Lüftchen. River gegen Boca? Ein Kindergeburtstag mit Konfetti. Gegen das, was sich zwischen Pepeke und Herbster abspielt – Flüche, Schamaninnen, entführte Hundehaare, Ayahuasca in der Fluchschüssel – wirken die größten Klassiker der Fußballwelt wie ein müder Fliegenschiss.
Und während Herbster fleißig an seiner Reputation herumretuschiert, sollte er sich fragen, warum sein Name auffällig oft fällt, wenn es um die Trennung von Pepeke und dessen Frau geht. Denn ja, es ist amtlich: Frau Guevara hat die Koffer gepackt und ist
gegangen – mutmaßlich mit im Gepäck: die letzten Nerven ihres Mannes.
Der sonst so gefasste Pepeke wurde bei der Pressekonferenz zum Häufchen Elend. Mit tränenverschmiertem Gesicht und zittriger Stimme schluchzte er ins Mikrofon: "Ay, mi amor! Waru` jetze, justo jetze, wo ich dih sso brauhe gegen diesse diablo `erbster?! ¡Mi corazón está gebrochen! Gebrochen, wie meine Abwehr beim 5:6!" Ein Assistent musste ihm eiligst ein Taschentuch reichen, ein zweiter hielt vorsorglich schon das dritte bereit. Die versammelte Presse blickte betreten zu Boden, ein Kamerateam soll sogar leise mitgeweint haben.
Ob es der Fluch war, der die Ehe zerrüttet hat, oder einfach zu viele durchwachte Nächte mit Fluchschüssel und Ayahuasca-Dämpfen?
Herbster selbst soll voller Zuversicht dem Spieltag entgegengefiebert haben, trotz angeblicher Gewissensbisse – schließlich sei er im Kern ja eine ehrliche Haut. Wer's glaubt, wird selig.
Ganz anders Don Limón: kein Hokuspokus, einfach ein sauberer 1:0-Sieg. Die Zitrone wurde statt in der Guacamole verwendet, diesmal ganz frisch mit ein paar Shots Don Julio verzerrt– verdient, hermano, absolut verdient.
Trainer Roquo von den UNAM Pumas verfolgt das ganze Spektakel derweil eher aus der Ferne – mit einem Käffchen und einem Buch, vermutlich. Während man sich in Nuevo León mit Ayahuasca, Fluchschüsseln und Scheidungsanwälten bombardiert, herrscht in Mexiko-Stadt gepflegte akademische Stille. Kein Wunder: Die Studenten im Norden lernen offenbar fleißiger – zumindest, wenn es ums Fluchen und Zitronenpressen geht. Eine Rivalität wie Tigres gegen Monterrey muss man sich eben verdienen, lieber Roquo, geschenkt gibt's die nicht.
Für die Studenten der Autónoma steht die Welt Kopf: Der letzte Tabellenplatz, eigentlich für Trainer Fubini reserviert, ist nun besetzt. Und apropos Fubini: Stille. Kein Bellen. Neue Taktik oder ernsthafter Grund zur Sorge?