Wieder zwei Niederlagen. 0 – 6 Tore, 0 eigene Tore, 0 Punkte. Damit ist man auf Platz 12 abgerutscht und eine Meisterschaft in weite Ferne gerutscht, von der man noch vor einigen Spieltagen an der Tabellenspitze durchaus träumen durfte. Zur Ehrenrettung, des Nachfahren alter Samurais, Nakata Gutschis muss man allerdings auch sagen, dass 4 der letzten 5 Spiele Auswärts bestritten werden mussten.
Die kommende Woche bringt wohl 2 Geisterspiele. Es sei denn, es ist Kyotos Taktik, eine Woche nicht zu setzen, um dann möglichst einfach an Punkte zu kommen. Und Geisterspiel liebt Nakata überhaupt nicht. Hier heißt es doppelt ums Eck zu denken, um dann doch letztendlich falsch zu liegen.
Der Gruß vom Platz an der Sonne ist Vergangenheit. Weite Vergangenheit. Jeden ZAT geht es weiter runter für Shonan und das sieht der Nachfahre stolzer Samurais nicht gerne. Nur noch Platz 10. 8 Punkte bis zur Spitze. Besonders die 5 -4 Niederlage gegen Yokohama geht Nakata gar nicht mehr aus dem Kopf. Was hat sich KiMu nur dabei gedacht, hier solche Gegenwehr zu leisten und dann das Spiel letztendlich auch noch zu gewinnen?
Am kommenden ZAT geht es wieder nach Yokohama, Diesmal zu den F. Marinos. Ist da mehr zu holen?
Auch im zweiten Spiel müssen die Mannen von Nakata reisen und zwar nach Saporro. Wenn beide Spiele verloren gehen, wird die Abwärtsfahrt noch stärker Fahrt aufnehmen. Lässt sich Nakata deshalb aus der Reserve locken?
Nakata hatte es geahnt. „Diese Woche werden wir vernichtet. Bert, wir müssen TK sparen, um zu einem anderen Zeitpunkt, wie Phoenix aus der Asche wiederzukommen.“ Und wirklich spülte die Welle über Shonan Belmare und man wurde mit 1-11 Toren in zwei Spielen überrollt.
Der Nachfahre alter Samurais blieb gelassen. „Wir sind nur zwei Punkte hinter dem Tabellenführer. Unser TK ist gut gefüllt und wir brauchen den Kopf noch lange nicht
in den Sand stecken.“
Bert war den Tränen nahe: „Aber alle scheinen uns zu hassen. Wer setzt schon 6 Tore auswärts? Was haben wir Shinji Ono getan?“
„Bert, sei ein Mann. Hier geht es um Titel, Ruhm und Ehre und jeder versucht anders diese Ziele zu erreichen. Wir wurden heute gedemütigt. Aber wir stehen bereits wieder und werden schon in der kommenden Woche eine Antwort geben, die uns und unsere Fans stolz machen wird.“
Nakata Gutschi stand vor der Tabelle. Wieder. Immer noch Tabellenführer.
Er hatte in der Nacht nach dem Urawa-Spiel nicht geschlafen. Nicht wegen der 0:2-Niederlage – Niederlagen waren Teil des Weges, hatte sein alter Sensei gesagt. Niederlagen formten den Charakter. Niederlagen waren...
„Nakata-san?"
Tanaka stand in der Tür, einen Kaffee in der Hand und den Ausdruck eines Mannes, der gleich schlechte Nachrichten überbringt.
„Die Tabelle", sagte Nakata, ohne sich umzudrehen.
„Ja."
„Wir sind noch
Erster."
„Ja."
„Obwohl wir verloren haben."
„Ja."
Nakata drehte sich um. „Tanaka. Erkläre mir die Fußballtabelle."
Tanaka räusperte sich. „Andere haben auch verloren, Nakata-san."
Stille.
„Das ist…" Nakata suchte nach Worten. „Das ist das Schönste, was du je gesagt hast."
Aber die Luft an der Spitze bleibt dünn. Fünf Vereine nur mit einem Punkt Abstand. Zwischen Heldentum und Seppuku liegt nicht viel in Japans J-League.
Nakata schaut auf die Tabelle und kann es immer noch nicht glauben. Immer noch Tabellenführer. Aber jetzt kommen die harten Brocken auf den Nachfahren stolzer Samurais zu. Der amtierende Meister Avispa Fukuoka kommt nach Shonan und dessen Trainer droht auch noch mit einem Sketch oder einer Gesangseinlage. Hier wird mit aller härtesten Waffen geschossen.
Der Trainer von Avispa Fukuoka – amtierender Meister, Tabellenführer der Herzen, Mann mit einer verdächtigen Vorliebe für Bühnenkunst – hatte in einem Interview angekündigt, er werde nach dem Spiel „eine kleine Überraschung" für die Fans bereithalten. Gerüchte
sprachen von einem Sketch. Andere von einer Gesangseinlage. Ein Insider flüsterte das Wort „Kostüm".
Als Tanaka Nakata davon berichtete, geschah etwas Beispielloses.
Nakata Gutschi bekam Gänsehaut.
Nicht metaphorisch. Nicht philosophisch. Echte, sichtbare, biologisch nachweisbare Gänsehaut. Auf beiden Unterarmen gleichzeitig.
„Er… singt?" fragte Nakata.
„Möglicherweise, Nakata-san."
Nakata schwieg für 47 Sekunden. Tanaka zählte mit.
„Das", sagte Nakata schließlich, „ist eine Form der psychologischen Kriegsführung, gegen die Zen mich nicht vorbereitet hat."
Der Abend über Shonan war ungewöhnlich laut. Nicht wegen der Wellen. Nicht wegen der Bambuswälder. Sondern wegen Nakata Gutschi, der auf dem Trainingsgelände stand und – und das muss man sich vorstellen – einmal kurz genickt hatte. Zweimal sogar. Hintereinander. Seine Assistenten tauschten verstörte Blicke aus.
Es hatte mit dem Kyoto-Spiel begonnen. Ein Unentschieden. Null zu Null. Nakata hatte nicht gesetzt, weil er in tiefer Meditation über die Frage nachgedacht hatte, ob ein Tor, das man nicht erzielt, nicht doch das schönste aller Tore sei. Philosophisch gesehen ein Meisterwerk. Sportlich gesehen: ein Punkt.
„Ein Punkt", hatte er hinterher am Strand gesagt und einen Kieselstein ins Wasser geworfen, „ist wie das halbe Schweigen. Vollständiger als eine Niederlage. Leerer als ein Sieg."
Sein Assistent Tanaka hatte genickt und insgeheim überlegt, ob er sich einen neuen Job suchen sollte.
Aber dann. Tokyo Verde. Zuhause. 5:0.
Fünf Tore. Fünf. Eine Zahl, die Nakata bislang nur aus der
Philosophie kannte – die fünf Elemente, die fünf Weisheiten des Zen, die fünf Male, die er pro Woche Tofu aß. Nicht als Fußballergebnis.
Als der Schlusspfiff ertönte, geschah etwas Historisches. Nakata Gutschi ballte die rechte Hand zur Faust. Nicht weit. Vielleicht drei Zentimeter. Aber es war eindeutig eine Faust. Zeugen bestätigten es später schriftlich. „Gut", sagte er. Tanaka fiel fast in Ohnmacht.
In der Kabine hielt Nakata eine Ansprache, die in die Vereinsgeschichte eingehen sollte: „Fünf Tore", begann er, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick ruhig wie ein Bergsee. „Das ist…" – er pausierte, suchte nach Worten, die seiner Würde entsprachen – „…statistisch gesehen eine Abweichung vom bisherigen Mittelwert."
Die Spieler jubelten.
„Ich bin…" – wieder eine Pause, diesmal länger, fast beängstigend – „…nicht unzufrieden."
Wilder Jubel. Ein Spieler weinte vor Rührung.
Der Morgen über Shonan begann wie immer mit dem sanften Rauschen der Wellen und dem leisen Knirschen von Kieselsteinen unter den Schuhen von Nakata Gutschi, Cheftrainer, Hobbyphilosoph und selbsternannter Nachfahre einer langen Linie stolzer Samurai-Trainer, die allesamt – historisch belegt – nie auf einem neunten Platz geendet hatten. Zumindest behauptete das Nakata.
Er hob einen Stein auf, betrachtete ihn nachdenklich und warf ihn ins Wasser.
„Zwei Siege. Zwei Tore. Zwei Mal Null."
Er nickte weise. Ein Tor pro Spiel. Nicht mehr, nicht weniger. Die Kunst des minimalen
Tores.
Eine Philosophie, so elegant wie ein Kirschblütenblatt, das auf einen frisch gemähten Rasen fällt.
Aber schon steht das nächste Spiel bei den purplelosen Kyoto Sanga mit Trainer Powerkraut jr. an. Wie wird die Taktik im ersten Auswärtsspiel aussehen und wird Nakata es vielleicht sogar wagen im dritten Heimspiel wieder nur ein Tor zu setzen?
Er schloss die Augen. Der Wind flüsterte durch die Bambushalme. Ein Koi-Karpfen planschte im Teich. Dann öffnete Nakata Gutschi die Augen, lächelte still. Shonan Bellmare. Platz zwei. Und die Saison war noch jung.
Nakata Gutschi, der alternde Nachfahre stolzer Samurai, schreitet durch den Bambushain und lässt die vergangene Saison Revue passieren. Ein bedeutungsloser 9ter Platz im Niemandsland der Tabelle, eine Großmutter, die mit über 100 Jahren, mehr Ahnung vom Fußball hat, wie ihr Enkel und viel zu viele leere Sake Flaschen, sind keine erfolgreiche Basis für die neue Saison.
Hier muss alles auf Links gedreht werden und Nakata ist bereit dazu. Was macht Wolgang
Lippert, ein abgetakelter ehemaliger Fernsehmoderator, der, nach dem sie ihn bei den Störtebecker Festspielen auf Rügen als Moderator gefeuert haben, seit 17 Saisonen und 3 Meisterschaften von Erfolg zu Erfolg eilt? Vielleicht sollte Nakata lieber Rotkäppchen Sekt, statt Sake trinken? Oder vielleicht sollte er sich auf die Spuren von Alter Freiwald und Achim Mentzel setzen. Vielleicht kann er ihnen mit seinem Samurai Schwert, die Geheimnisse des Erfolgs entlocken?
5-0 und 0-5. Das scheint das Standardresultat in Japan zu sein. 6 Spiele in 2 Spieltagen mit diesem Ergebnis. Wow. Wo bleibt da die Spannung? Immerhin 1 Auswärtssieg und drei Versuche einen solchen zu erreichen, sind die magere Bilanz dieses ZATs.
Dazu setzt Tokyo Verdy seinen Trainer vor die Türe. Letzter Tabellenplatz ist kein guter Grund für einen Trainer.
Jetzt steht der erste Dreier ZAT an und Shonan ist mit 2 Auswärtsspielen dabei. Keine gute Ausgangslage, um weiter in der Tabelle nachvorne zu kommen. Aber der undankbare 7 Platz, der gerade nicht zur internationalen Teilnahme berechtigt, ist nicht das Ziel von Nakata Gutschi.
Nakata hatte sich am Morgen eine Liste geschrieben. Gründe, warum diese letzten zwei Spiele wichtig sind. Er hatte zwanzig Minuten nachgedacht. Dann hatte er die Liste zusammengefaltet. Dann nochmal gefaltet. Dann in seine Jackentasche gesteckt. Dann aus der Jackentasche genommen. Dann zerrissen.
Ein stolzer Samurai am Ende seiner Weisheiten. Er hatte es nicht geschafft, seine Mannschaft zu besseren Spielern zu formen. Er hatte es nicht geschafft, seine eigenen Ansprüche umzusetzen.
Er dachte an den Sake. Zimmerwarm inzwischen, schätzte er. Vielleicht sogar Zimmer-heiß. Es war Juli. Nach den beiden Spielen durfte er endlich trinken. Vielleicht führt ihn das auf dem Pfad der Erleuchtung. Denn kein Alkohol ist auch nicht die Lösung.