„Na bitte, immerhin stehen wir vor Hardkore und keiner aus der Koks-Fraktion an der Tabllenspitze!“ Es klang fast so, als habe Florian Markert beste Laune, doch der Angriff der FARC-Rebellen auf das peruanische Heiligtum Alianza hatte Spuren bei ihm hinterlassen. Die Spaltung der Liga in Kokser und Meerschweinchenfresser war nur eines der vielen Symptome. Die anderen äußerten sich subtiler, beispielsweise in dem Antrag einiger (angeblichlich kolumbianischer) Vereinsmitglieder, die Vereinsfarben blau und weiß durch ein reines (Koks-)weiß zu ersetzen. Oder auch in den Bestrebungen der Ordner, keine peruanischen Flaggen mehr im Stadion zuzulassen und die betroffenen Fans unter Androhung des Dauerkartenentzugs dazu zu zwingen, 90 Minuten lang die Flagge des großen nördlichen Nachbarn (nein, nicht Ecuador) zu schwenken. Doch besonders schlimm war der Antrag gewesen, den ein (vermutlich in Wirklichkeit
rebellen-kolumbianischer) nameloser Funktionär beim Fußballverband Perus eingereicht hatte, und der aufgrund von offensichtlicher Bestechung oder andersartiger Ausübung von Druck die erste Instanz bereits passiert hatte: Die Todesstrafe für Eigentore sollte eingeführt werden. Als wäre es den Kolumbianern keine Lehre gewesen, dass man sie nach dem Mord an Andrés Escobar aus der COPA-Familie verbannt hatte, versuchen sie nun, ihre schlimmsten Fehler zu wiederholen. Doch nicht in Peru, nicht im schönsten aller Länder! Markert, und mit ihm eine Gruppe peruanischer Patrioten, haben der Einflussnahme aus dem Ausland den Kampf angesagt! Zumindest ist die kolumbianische Regierung auf unserer Seite (eigentlich auch kein Wunder, nach dem jahrelangen Konflikt dort) - doch ob der peruanische Verband seine Unbestechlichkeit bewahrt hat, bliebt bis zu obersten Instanz offen... wir hoffen noch, und wir tun mehr als das! ARRIBA ALIANZA! ARRIBA PERÚ!
Nicht mal für einen triumphales Zeitungsartikel reicht es mehr beim einstigen Startrainer Hardkore, der nach zahlreichen Eskapaden nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Immerhin hat er es mit etwas Glück und dank einer nachträglich Taktikkorrektur seines Gegenübers wieder einmal zu einem Auswärtspunkt in der härtesten Liga Lateinamerikas gebracht - chapeau, mon ami! Die Meisterschaft wird also in der Alianza-Quartalsbilanz wieder einmal größtenteils abgeschrieben werden, diesmal ist von 75% die Rede. Vermutlich wird der Aufsichtsrat wieder einmal murren, Markert seine Schranken aufweisen (keine Neuverpflichtungen mehr ohne Zustimmung der hohen Herren) und die eine oder andere Zigarre in die ewigen Jagdgründe glimmen
lassen. Unterdessen wird an der Basis der Ruf nach einem erneuten Guerrilla-Trainingslager laut, nachdem die FARC über die kolumbianische und in der weiteren Folge auch peruanische Boulevardpresse ihrem Drang nach medialer Aufmerksamkeit wieder einmal vernehmlich Luft gemacht. Dass so viele Exil-Kolumbianer im schönen Peru immer noch von ihrer alten Heimat träumen, wirkt angesichts dieser Einmischung wieder einmal mehr politisch als emotional gesteuert. Dennoch: Von libanesischen Verhältnissen (extreme Einmischung eines Nachbarstaates) ist man in Peru noch weit entfernt. Und Markert wagt allem Gegenwind zum Trotz sogar eine Prognose: „Meister wird diese Saison nur ein echter Peruaner, also ganz sicher keiner aus der Koks-Fraktion!“
Der durchschnittliche IQ in der peruanischen Liga ist innerhalb von nur 22 Sekunden um 0,005% gestiegen. Denn beim unbeliebtesten Club der Liga, dem UNMSM, ist mit Trainerlegende Hardkore tatsächlich ein echtes Genie eingestiegen. Den Wert der Vor-Hardkore-Ära, nämlich null IQ-Punkte beim Team von San Marcos, konnte er um gewaltige 3 Zähler steigern. Und 22 Sekunden, das war exakt die Zeit, die Hardkore benötigte, um ein X in das Unterschriftsfeld auf seinem Arbeitsvertrag zu machen. Auch wenn das nicht gerade Usain-Bolt-Format hat: Hardkore ist wesentlich intelligenter, als er schön ist. O-Ton Markert: "Mein Beileid, liebe alleinstehende Peruanerinnen."
Dennoch konnte es sich Alianzas Startrainer nicht verkneifen, auch gegen diese Vollpfeife den Aufmarsch seiner Stammelf anzukündigen. Im Zweifel
wird die Gurkentruppe des „Taktikfuchses“ eben abgeschossen, so die sinngemäße Aussage von Florian Markert, Augenzwinkern inklusive. (Anmerkung der Redaktion: Taktik-Koala trifft es wohl eher… der Koala ist schließlich das einzige Tier neben dem australischen Copa-Trainer, dessen Gehirn zu klein für seinen Schädel ist.)
Trotz (oder gerade wegen) aller offenkundigen Schwächen dürfte schon allein die unfassbare Bosheit des Hamburger Urgesteins für den einen oder anderen Glanzpunkt in der noch jungen Saison sorgen, so dass Langeweile ausgeschlossen sein dürfte und wir schon einmal freudig konstatieren: WELCOME BACK, HARDKORE! Welche Rolle sichere sechs Punkte bei dieser Einschätzung spielen, wird der aufmerksame Beobachter spätestens nach dem 14. Spieltag wissen.
Ole G. Fidschistuhl war der strahlende Sieger. Als Gewinner des Copa-BIER (sogar die PSS Iquitos soll einen Teil der Prämie erhalten haben – Wahnsinn, bei den heutigen Frachtkosten!) ist er dieser Tage so etwas wie der Vorzeigeperuaner. Kein Wunder, dass sich der gewiefte Kollege Markert diese Popularität sogleich zunutze gemacht hat. „BIER-Sieger-Besieger“ steht auf den T-Shirts, die sich zurzeit in Lima verkaufen wie warme
Semmeln. Und alle, die dem sprunghaften Norweger den Titel nicht gönnen, pilgern in der Zwischenzeit zum Markert’schen Stadtpalast und bedanken sich dem GröTaZ mit frischgezapftem BIER* dafür, dass dieser den Überflieger der Woche zumindest für 90 Minuten wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht hat.
*: Kein Cristal, kein Cusqueña, und schon gar kein Arequipeña! Nur Copa-BIER ist gut genug!
La Victoria, Limas unmittelbar südöstlich an die Altstadt angrenzender Vorzeige-Stadtbezirk, hatte schon immer eine Schwäche für die Farben blau und weiß. Das Estadio Alejandro Villanueva, im südlichen Teil des Viertels gelegen, gilt als Tempel der Fußballhochkultur. Die benachbarten oder nahegelegenen Stadtteile wie Lince (Heimat von La Peña) und Rímac (Sporting Cristal) schauen ebenso neiderfüllt nach La Victoria wie die im Distrikt Ate spielenden Herren von La U, die zwar das größte, aber keineswegs das stimmungsvollste Stadion ihr eigen nennen, von den heißblütigsten, treuesten und motivierendsten Fans der Fussballwelt ganz abgesehen, denn diese haben in La Victoria - und nur dort - ihre Heimstatt gefunden! Selbst der amtierende Meister, immerhin im historischen Zentrum der Hauptstadt angesiedelt, kann da in puncto Flair und Leidenschaft nicht mithalten. Die Limeños kennen eben nur ein wahres Fussballteam, und das spielt unter der Ägide des Größten Trainers aller Zeiten, des legendären Florian Markert, den wohl
schönsten Fussall seit langem. Verdienter Lohn: Die Teilnahme an Amerikas Königsklasse und die Verleihung der Meisterschaft der Herzen an den Club, der Perus Fussball geprägt hat wie kein anderer. Während die Konzerne Cerveza Cristal und Grupo Coopsol ihre Werksteams mit ergaunerten Gewinnen pampern (mit sehr unterschiedlichem Erfolg) und Provinztruppen aus Iquitos (CNI, gaaanz weit draußen) oder Trujillo (Universidad César Vallejo) auf Kunstrasen spielen müssen, weil selbst die Grashalme lieber in La Victoria wachsen, ist und bleibt Alianza für die Limeños der Nabel der wahren, der echten, der unverfälschten Fussballwelt, in der Ideale noch etwas wert sind und die Sonne ein kleines bißchen heller (und ehrlicher) scheint. Auf den Auftaktgegner CNI kommt jedenfalls nicht nur eine lange und beschwerliche Anreise zu, sondern auch das Erlebnis, vor einer lebenden Wand von Begeisterung, Anfeuerung und Rückhalt gegen gefühlte zwölf, wenn nicht sogar dreizehn Gegner anzutreten. Das Ergebnis nehmen wir hiermit vorweg: Es wird einen Heimsieg geben - der Name "La Victoria" ist schließlich kein Zufall!
Als der Tabellenführer in der 94. Minute zum 6:6-Ausgleich traf, verwandelte sich der heruntergekommene Bolzplatz von Sport Coopsol in ein Tollhaus. Zwar hatte sich ausgerechnet der GröTaZ wieder einmal als Spielverderber zu betätigen versucht, doch Fernando Zezezaroszezesaros hatte den Braten rechtzeitig gerochen. Irgendwie passte es aber in die kuriose Situation, dass sich der Ärger auf der Gegenseite in Grenzen hielt. Markert schüttelte lediglich kurz den Kopf, um dann einen genüsslichen Schluck chilenischen Carmenere aus seinem Weinglas zu nehmen, in den acht Tage alten, zwar miefenden und von Fliegen übersäten,
aber Glück bringenden Kondorspieß zu beißen (seit dem Grillfest hat Alianza nicht mehr verloren – gerne hätte man stattdessen geschrieben: alle Spiele gewonnen, Anm.d.Red.) und einige Notizen auf ein zerknittertes Stück Papier zu machen. Die Meisterschaft dürfte Coopsol nach diesem Last-Minute-Treffer zwar nicht mehr zu nehmen sein, aber in Lima träumt man dennoch einen lang gehegten Traum weiter: Vizemeister, 70 HoF-Punkte und der Einzug in die Copa Libertadores – das wäre ein sensationeller Abschluss einer schon verpatzt geglaubten Saison. Ob es am Ende aber tatsächlich reicht, hat man nicht mehr selbst in der Hand.
Hätte, wenn und aber - die Nacht von Freitag auf Samstag schien kein Ende zu nehmen. Trotz anderthalb Flaschen Rotwein zur Bekämpfung jener Gedanken, die ihn in dieser Nacht mit aller Gewalt wach hielten, fand der GröTaZ keine Ruhe. Wäre die Meisterschaft bei etwas mehr Risikobereitschaft wirklich noch möglich gewesen? Gab es Anzeichen, aus denen man die Zurückhaltung der letzten beiden Gegner hätte ableiten können? Der große Traum von der vierten Meisterschaft, der ersten seit neun Jahren, er scheint auf einmal so nahe gewesen zu sein, ohne dass der GröTaZ davon auch nur das Geringste mitbekommen hätte.
Und weitere Fragen zermarten das Hirn des Gepeinigten: Wie geht es jetzt weiter? Kann man den vermeintlich einzig logischen Schritt mit dem ohnehin schon von vielen Jahren im Leistungssport befleckten Gewissen vereinbaren? Muss man die menschliche Seite wieder mehr hervorkehren, um im Titelkampf einen Bonus von den Gegnern zu bekommen, wenn es hart auf hart kommt? Ist es möglich, als Zielscheibe Nummer Eins überhaupt Meister zu werden? Und wenn nicht, wem sollte man die Zielscheibe überreichen, wem kann man sie überhaupt übergeben? Ist Alianza nicht doch der geborene Erbfeind, für jetzt und alle Zeit?
Die halbvolle Flasche Rotwein
auf dem Tisch nebenan rückt ins Blickfeld. Na gut, ein Gläschen noch. Ruck zuck ist die Flasche leer und landet bei der anderen. Die Sonne ist immer noch nicht zu sehen, die verchromte Digitaluhr aus edlem Tropenholz zeigt 3:44 Uhr. Die Ziffern laufen ein wenig auseinander, flackern, aber die Augen bleiben nicht zu. Immer wieder wandert der Blick des GröTaZ auf die Kritzeleien der vergangenen Stunden. Das Whiteboard mit den roten und blauen Zahlen, teilweise durchgestrichen, teilweise unterstrichen, leuchtet im fahlen Mondlicht. Da sind A’s und H’s zu sehen, Sechsen, Einsen und Nullen, mögliche Spielausgänge wurden prognostiziert und wieder verworfen. Das Wort ZIEL steht in großen Buchstaben unten links, flankiert von einem geschwungenen Fragezeichen.
Das Fragezeichen bewegt sich, verformt sich zu einem weit aufgerissenen Gesicht mit spitzen, gewaltigen Reißzähnen, kommt auf den GröTaZ zu, die gespaltene Zunge der Fragezeichenfrage zischt heran. Dann schließt sich der Kiefer. Ein grauenerregendes Geräusch zerreißt die gespannte Stille. Der GröTaz reißt die Augen auf. Schweißgebadet erkennt er die Ursache des Geräuschs und bringt den Wecker zum Schweigen. Die Uhr zeigt 9:15 Uhr. Die Sonne scheint hinein. Die Entscheidung ist ferner denn je…
Der Ascheregen hüllt das Spielfeld in dichte Schwaden und erzeugt Chaos nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei deren Frauen - häh? Ok, der Eyjafjallajökull mag ja ein toller Vulkan sein und einiges in petto haben, aber bis nach Peru hat er es dann doch nicht geschafft. Stattdessen hat Alianza Lima alle Spieler und deren Familien zum Grillfest und die Kinder zum (Achtung: Sprachverwirrung) Alianza A-Team Bambini Competition geladen. Dummerweise hat ein voreiliger Kondor ebenfalls den Fleischgeruch in die Nase bekommen und ist beim Anflug auf den Riesengrill abgestürzt. Nachteil: Der Ascheregen hat das frischgezapfte Bier in den Gläsern der Beteiligten verunreinigt und ein bißchen Chaos verursacht. Vorteil: Zusätzlich zu Lamasteaks und gegrillter Alpakahüfte gibt es nun auch
noch gerösteten Kondor, quasi als Tüpfelchen auf dem „i“ eines gelungenen Tages.
Wurde denn nicht auch noch irgendwann mal Fussball gespielt? Ach ja, die Spiele des letzten Spieltags… eintönig wie immer. 3:0 zuhause, 0:3 auswärts. Die Fans bleiben mittlerweile lieber zu Hause und grillen auf dem Balkon, anstatt ins Stadion zu pilgern und immer wieder die selbe Show anzugucken. Nun ist die Vereinsführung also nachgezogen. Und siehe da: Die Ankündigung, auch bei Heimspielen in Zukunft Frischfleisch vom Grill zu kredenzen, ist nicht unergehört geblieben. Das Heimspiel gegen Marga Riners und die übergewichtigen Jungs aus Lince ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Gegrillten Kondor wird es dann zwar keinen geben, aber vielleicht endlich mal wieder mehr als drei Tore.
Die Selbstmorde unter Maklern und Immobilienspekulanten sind auf einen neuen Rekordwert geklettert, nachdem die Preise für Wohnraum in der peruanischen Hauptstadt in der letzten Woche dramatisch abgestürzt sind. Ausschlaggebend dürften wohl die Aussagen des GröTaZ gewesen sein, den Kader komplett umzubauen. In La Victoria, dem besten Wohnviertel der Stadt, sorgten die Mietvertragskündigungen und Hausverkaufsgesuche zahlreicher Spieler, Pressevertreter und Spielerfrauen sowie der zahllosen Geliebten, Begleitdamen und Prostituierten, die sich im Umfeld der Kicker breit gemacht hatten für ein Absacken der Quadratmeterpreise um bis zu 85%.
Der McDonalds neben dem Stadion bereitet sich ebenfalls auf eine Geschäftsaufgabe vor: „Wenn Alianza jetzt plötzlich nur noch richtige Sportler beschäftigt, denen ihre Karriere und der Erfolg des Vereins am Herzen liegt, habe ich doch gar keine Kundschaft mehr für meine überteuerten XXXXL-Menüs. Und von dem Kleinkram, den die Fans hier vertilgen, kann doch keiner leben.“ Na, vielleicht bewegt ihn die sicherlich deutlich sinkende Pacht für seinen Laden ja noch zum Umdenken… An den Markert’schen Plänen wird sich jedenfalls nichts ändern, die Auflösungsverträge sind teilweise bereits unterzeichntet.
Mit dem 0:4 beim neuen Tabellenführer IMI war das Maß voll, das Fass zum Überlaufen gebracht und die Schmerzgrenze bei den Fans überschritten. Der Absturz ihres geliebten Teams ins Mittelmaß hatte sich bereits im letzten Jahr angedeutet, doch während damals viele noch auf einen Ausrutscher gehofft hatten, ist es nun Gewissheit. Eier klatschten an die Scheiben der Pressestelle, Steine flogen durch die Fenster des Vereinsheims. Und als der Trainer schließlich vor die Fans trat, um zu erklären, wie es dazu kommen konnte, fand er sich mit einer unüberschaubaren Menge von Buh-Rufern und einem nicht enden wollenden Pfeifkonzert konfrontiert.
Kurze Zeit später war der Saal verstummt. Nein, Markert war nicht zurückgetreten. Einen Umsturz hatte es dennoch gegeben, jedoch nicht am Seitenrand, sondern auf dem Spielfeld selbst. O-Ton Markert: Nicht der Trainer hat Schuld am Absturz unserer geliebten Alianza, sondern die Spieler selbst sind es nicht wert, weiterhin das blau-weiße Trikot
über dem Herzen zu tragen. Ich habe veranlasst, alle Spielerverträge zum Saisonende zu kündigen. Die Mannschaft wird im nächsten Jahr ein völlig neues Gesicht bekommen, und dann kehrt auch der Erfolg zurück. Das verspreche ich euch!“
Der Schock saß tief. Die Mannschaft, die über so viele Jahre unverändert geblieben war, in der man den Namen jedes Spielers lautstark über das grüne Gold hinweg skandieren konnte, würde nicht mehr so sein wie bisher. Kein Stein würde auf dem anderen bleiben, den Vermietern der bisherigen Spieler würde von einem Tag auf den anderen die Lebensgrundlage entzogen werden. Und schlimmer noch - die Redaktionen der Lokalzeitungen würden endlichen wieder einmal selbst recherchieren müssen, nachdem all ihre Maulwürfe, V-Männer und Spitzel plötzlich den Kontakt zum Geschehen verlieren würden. Zehn Spieltage verbleiben noch, um sich auf den Umbruch vorzubereiten. Wer bis dahin seine Hausaufgaben nicht gemacht kann, kann gleich mitgehen.
Die knappe Niederlage beim Titelverteidiger hat Spuren hinterlassen. Weniger in der Psyche der Spiele, die ist nach wie vor intakt. Schließlich konnte man das Heimspiel gegen den chancenlosen Aufsteiger und Bald-wieder-Absteiger Atlético Universidad mühelos gewinnen. Aber die harte Gangart der OSP-Treter hat psysische Symptome hinterlassen, die an einen Meteoriteneinschlag erinnern. Gebrochene Jochbeine, zerschmetterte Nasenrücken, angebissene Ohren – es ist beinahe so, als hätten Mike Tyson, Jack the Ripper und Osama Bin Laden eine
drogenschwangere Party auf dem Fussballfeld gefeiert. Um die Mannschaft auf zukünftige Attacken dieser Art besser vorzubereiten, wurde Bruce Lee nach Lima eingeflogen. Inkognito, natürlich, schließlich darf seine Lebensversicherung nichts davon erfahren. Von der Presse ganz zu schweigen - nur ARRIBA ALIANZA macht an dieser Stelle eine Ausnahme. Aber wir hüllen uns in Schweigen. Man darf gespannt sein, mit welcher Einstellung Alianza die Revanche bei den Marinos angehen wird. Eines ist jedoch gewiss: Nonnenhockey wird man an jenem Tag vergeblich suchen.
Da redet Kunzi sich den Mund fusselig, und dann so was: Der unvorsichtige Pressesprecher von Alianzas in der dritten Liga spielendem B-Team, Plápa M. Ahul, hatte die Nachricht an den Mann gebracht: Der Trainer von Juan Aurich hatte sich offenbar, verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Job, weil ihm in Liga eins der Druck zu groß geworden war, bei Alianzas B-Team beworben. Doch die Reserve des GröTaZ-Verein, die derzeit noch von angeblich amtsmüden Ex-Meistertrainer Tequila Sunrise trainiert wird, gab dem Bewerber einen Korb. Offenbar war man mit der taktischen Ausrichtung, die Kunzi im Vorstellungsgespräch präsentiert hatte, alles andere als zufrieden. Damit nicht genug, es kamen weitere Details ans Tageslicht. So soll Kunzi allen Ernstes gefordert haben, in Zukunft mit fünf linken und
drei rechten Mittelfeldspielern, dafür aber ohne Torwart aufzulaufen. So könne man die Breite des Platzes am besten nutzbar machen, ohne gleichzeitig den Ballbesitz einzubüßen, der insbesondere im Bereich der Eckfahnen von entscheidender Bedeutung sei, weshalb man dort auch am stärksten präsent sein müsse. Dass man gerade erst Alianzas A-Team mit dieser Taktik 5:0 besiegt hatte, ließ die strenge Bewerbungskommission ebensowenig gelten: Schließlich habe man dort ein völlig standardmäßiges 2-6-2 gespielt, auch wenn beide Stürmer tatsächlich bedenklich viel Schieflage nach links hatten. Letztlich seien es aber Stürmer und keine Mittelfeldspieler gewesen, weshalb man Kunzi erst recht für blind befand und mit dem nächsten Maultier zurück nach Chiclayo schickte.
An einem Doppel-Spieltag ohne Auswärtssiege war man letztlich der Verlierer - höchster Aufwand bei „normalem“ Ertrag. Das war dem GröTaZ allerdings so was von egal, denn in Lima wurde gefeiert! Der große Lokalrivale und Rekordmeister, Sporting Cristal, ist nach neun Spieltagen am Tiefpunkt angekommen. Klar, Letzter der zweiten Liga war man in den vergangenen Wochen öfter mal, aber spätestens seit heute ist klar geworden, wie groß der Abstand zur Weltspitze eigentlich wirklich ist.
Die Zeitschrift „Modern Monkey“, ein amerikanisches Hochglanzblatt für den modernen Mensch von morgen, hat sich die Zeit genommen, 150.000 Fussballfans in aller Welt zu befragen, welcher Verein der prägendste der gegenwärtigen Epoche sei. Fünf Antworten pro Befragtem waren möglich.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Alianza Lima kam auf grandiose 133.124 Stimmen und belegte damit weltweit Platz 1, deutlich vor Werder Bremen (Deutschland, 108.643) Defensor Sporting (Uruguay, 91.201) und Skoda Xanthi (Griechenland, 89.994). Aus der Wertung genommen wurden freilich die Nennungen „dem Dalton sein alter Club“ und „die Truppe, mit der die Rennmaus damals in Peru unterwegs war“ - ansonsten hätten sicherlich gute Chancen bestanden. So kam es jedoch, dass der zweimalige
Pokalgewinner Sporting Cristal, trotz zahlloser Meisterschaften, nur einen kläglichen 112. Platz belegte - nur einen Platz vor dem höchstgerankten Australier in der Liste.
Die Reaktionen aus der Liga fielen (mehr oder weniger) kühl aus: Cappe: “Wen interessiert’s? Ich hab den Markert geputzt, ich bin der Größte!“ Menace: „Ja, also (sieht aus dem Fenster) - Sch***! Ich muss weg“. Butters: “Hallo Freunde! Schborrrting Krrristall, ich hoffe, das habe ich jetzt richtig ausgesprochen, ähhh, kenne ich eigentlich nicht.“ Juary: “Krass, der steht ja sogar noch hinter mir in der Tabelle. Kein Wunder, dass der so mies abgeschnitten hat.“ Lord Phantom: “Bewerft ihn mit Schweinsköpfen!“ Fidsche's Töle: “Das war das falsche Material, ganz klar! So konnte das mit dem Telemark ja nix werden...“ Mrs. Paige Philips: “Eine Pause würde Adlem gut tun…“ Nichtwalker aka. Minenkrabbler: “Verdammte Erdbeben… ich stecke jetzt seit zehn Jahren in diesem Erdloch fest. Will mich denn nicht endlich mal jemand ausbuddeln?“
Alles in allem: Das Ergebnis war wie erwartet. Und in Lima wird immer noch gefeiert.
Zwei Siege an einem Wochenende, und schon lacht die Sonne wieder über Lima - und ganz Peru über die Auswärtstrottel Kunzi und Butters, die lustig nach vorne spielen ließen und dabei ganz vergaßen, dass es ja auch immer noch in die andere Richtung laufen kann. Während die Hotelleitung am Standort des mexikanischen Trainingslagers erst einmal ein Dankeschön-Telegramm für die Wiederfitmachung der letztjährigen Versagertruppe erhielt, blieb GröTaZ Markert völlig überraschend auf dem Teppich: „Wer behauptet, dass wir wieder im Soll sind, der hat keine Ahnung von Fussball. Wenn die Saison weiterläuft wie bisher, reicht
es wieder nur für Platz 5 bis 8…und das kann nicht unser Anspruch sein!“ Wenn man dann noch berücksichtigt, dass Pepe, CB-Trainer und notorisches Großmaul, bereits 6 Auswärtstore gegen Alianza versprochen hat, dürfte eigentlich auch kaum mehr als eine erneute Platzierung im Mittelfeld drin sein - zu groß sind derzeit die spielerischen und psychischen Defizite im Team des einst großartigsten und erfolgreichsten Vereins der südlichen Hemisphäre. In der Verantwortung hierfür steht natürlich der Trainer, doch den Gegnern des GröTaZ dürften - zumindest für eine Woche - erst einmal die Hände gebunden sein.
Mit der Profimannschaft als Ersatz für die nicht erstligareife B-Vertretung ist Alianza Lima endlich der erste Saisonsieg gelungen. Dieser fiel allerdings mit 1:0 gegen einen erstligaunerfahrenen Aufsteiger alles andere als souverän aus, weshalb weiter mit Vehemenz am Stuhl des GröTaZ gesägt wird. Damit ist Kangaax, immerhin eine echte Copagröße, wenn auch aus grauer Vorzeit, der einzige Trainer in diesem Jahr, der mit einem Aufsteiger eine positive Bilanz zustande bringt. UCV steht nun nämlich nur noch aufgrund der Tordifferenz vor dem Vize-Rekordmeister aus der Hauptstadt, und über die Lizenzkäufer aus Iquitos braucht man wohl keine Worte mehr zu verlieren. Null Punkte sprechen eine deutliche Sprache und sollten der Liga zu denken geben, wenn es um erneute Lizenzverkäufe in der Zukunft geht. Genau diese Komplettversager sind nun der nächste Gegner für Alianza, und man wird wieder einmal nur die B-Elf nach Peru schicken. Es ist schließlich
„nur“ ein Auswärtsspiel und die A-Mannschaft hat noch immer Trainingsrückstand, zumindest sieht es der Schleifer auf der Trainerbank so.
Zumindest im Heimspiel gegen die Universidad Nacional Mayor de San Marcos will man aber wieder das A-Team aufs Feld schicken. Die Heimfans weiter zu vergraulen, das kann sich selbst der GröTaZ in der angespannten Situation nicht mehr erlauben. UNM – da fällt einem zur Zeit nur der Name Menace ein. Aber wer ist denn bloß dieser Menace, über den man nun erstmals in einer weltweit gelesenen Zeitung etwas findet? Ein jämmerlicher Flüchtling, der sich der Gerechtigkeit zu entziehen versucht? Oder nur ein weiterer Exil-Kolumbianer, der auf der Suche nach einem gut bezahlten Job und einem Dach über dem Kopf im schönsten Land Amerikas gelandet ist? Nun, in Lima will man sich an diesen Spekulationen nicht beteiligen – dort ist Menace lediglich ein Störenfried, den es in die Schranken zu weisen gilt.
Aus Zeitmangel muss der Artikel diese Woche leider entfallen. Das Training steht absolut im Vordergrund, so dass die Schreiberlinge von ARRIBA ALIANZA weder Skandale noch Erfolge aus Testspielen zu vermelden haben. Interviews hat der GröTaZ auch nicht gegeben. Die Ruhe vor dem Sturm oder nur Langeweile ohne sinnvolle Gedanken? Man wird sehen... und vielleicht gibt es dann nächste Woche auch wieder einen richtigen Artikel.