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Freischneider statt Freischwimmer
Zürich. Dienstagmittag. Der Garten hat sich erholt. Der Rollrasen steht dicht, die Blumen blühen und der e-Mähbie-53 zieht inzwischen gerade Bahnen. Sogar vor einem Schmetterling hält er selbstständig an. Der Nachbar hat ihn gut kalibriert.
Anschliessend kniet er vor dem Blumenbeet und schmiert dicke weisse Sonnencreme auf die Blüten.

«Was machst du da?»
«Lichtschutzfaktor 50. Wenn bora damit seine Fussballfeldlinien schützt, kann es für die Geranien nicht schlecht sein.»
«Bei bora ist auch Seifenschaum ein Abwehrkonzept.»

Auch sportlich ist wieder alles ordentlich angewachsen. Auf das 3:0 gegen Sion folgte zwar ein 0:3 im Stadtderby, gegen Aarau reichte es aber zum 1:0. Erneut sechs Punkte. Grasshopper steht inzwischen auf Platz drei.

Der Nachbar betrachtet zufrieden das Grundstück und legt einen Katalog auf den Terrassentisch.
«Jetzt fehlt hier eigentlich nur noch ein Swimmingpool.»
Nouri verschluckt sich an seinem Kaffee.
«Nein.»
«Warum nicht?»
«Ein Pool zerstört die natürliche Bodenstruktur.»
«Er käme neben den Rasen.»
«Vierzigtausend Liter Wasser erzeugen seitlichen Druck. Dann gehen die Nähte des Rollrasens auf.»
«Wir könnten einen kleineren nehmen.»
«Die Sonne spiegelt sich im Wasser und verbrennt die Blumen von unten.»
Der Nachbar zeigt auf die eingecremten Geranien.
«Problem gelöst.»
«Dann läuft Boras Sonnencreme ins Becken und verwandelt den Garten in eine Schaumparty. Am Ende verirrt sich noch ein Ball darin und Alois Grünhalter muss ihn retten.»
«Salzwasserpool.»
«Schlecht für den Mähbie.»
«Der soll nicht hineinfahren.»
«Das weiss der Mähbie nicht. Er erkennt zwar inzwischen die Schmetterlinge, aber noch immer nicht zuverlässig die Hecke.»

Der Nachbar blättert weiter.
«Ein Naturpool?»
«Dann kommen Frösche.»
«Frösche sind nützlich.»
«Nicht während der Nachtruhe.»
«3:1? Drei Meter lange Seiten und einen Meter tief?»
«Bei bora wird daraus spätestens am Freitag ein 3:0. Seine Theorie wächst schliesslich auch ohne Bewässerung.»
«Ein aufblasbares Becken?»
«Zieht Kinder an. Kinder bringen Schwimmreifen mit. Schwimmreifen werfen Schatten. Dann wächst der Rasen ungleichmässig.»

Der Nachbar legt den Katalog langsam beiseite.
«Du willst wirklich kein Wasser im Garten.»
«Das Grundwasser könnte steigen.»
«Bis

wohin?»
«Basel.»
«Das wäre doch nicht schlimm.»
«Doch. Dann erklärt Herbie es zu Wasserkraft, schaltet einen Gang höher und schreibt acht Seiten über den Chlorgehalt.»

Der Nachbar mustert Nouri lange.
«Kannst du überhaupt schwimmen?»
«Natürlich.»
«Gut.»
«Theoretisch.»
«Was bedeutet theoretisch?»

Nouri schaut zum Rasen. Der e-Mähbie fährt vorbei und stoppt exakt zwei Zentimeter vor der Terrasse.

In der siebten Klasse hatte Nouri mittwochs Schwimmunterricht. Zumindest stand es so auf dem Stundenplan. Tatsächlich verbrachte er diese Stunden hinter der Turnhalle im Geräteschuppen des Hausmeisters.

Zuerst behauptete er, Chlor löse bei ihm vorübergehende Orientierungslosigkeit aus. Danach folgten eine Wasserallergie, ein ärztlich nicht näher beschriebener Druckausgleichsschaden und schliesslich ein Schreiben der kantonalen Gewässeraufsicht, das er selbst auf kariertem Papier verfasst hatte.

Während seine Mitschüler für das Bronzeabzeichen Bahnen schwammen, lernte Nouri, Messerwalzen zu schärfen, Feuchtigkeitsmesser zu bedienen und einen alten Aufsitzmäher zu kalibrieren. Den Schlüssel zum Geräteschuppen hatte er dem Hausmeister für eine grosse Tüte Ricola abgekauft.

Am Ende des Schuljahres waren alle Freischwimmer.

Nouri war Freischneider.

«Du hast den Schwimmunterricht geschwänzt.»
«Ich hatte praktische Landschaftspflege.»
«Du bist Nichtschwimmer.»
«Ich bevorzuge Sportarten mit Bodenhaftung.»

Ausgerechnet jetzt kommt bora milutinovic nach Zürich. Der St. Galler Bademeister, dessen Spieler angeblich alle das Bronzeabzeichen besitzen und der die Super League inzwischen als schlecht geführtes Freibad betrachtet.

«Vielleicht solltest du vor dem Spiel noch üben.»
«Bora kommt auf meinen Rasen. Wenn hier jemand üben muss, dann er.»

Danach wartet La Chaux-de-Fonds. Zum Abschluss geht es nach Basel zu Herbie.
«Herbie hat sich bereits Notizen über Chlor und Heimvorteil gemacht.»
«Nach dem 0:4 in Sion weiss Basel immerhin, wie man baden geht. Für seine achtseitige Analyse fehlt ihm nur noch ein saugfähiges Handtuch.»

Nouri geht zum e-Mähbie. Auf dem Display steht:
Schnitthöhe: 1,0 cm. - Eine Einstellung, die Nouri am vergangenen Freitag vornahm.
Nouri dreht den Regler langsam nach rechts.
Schnitthöhe: 6,0 cm.

Der Nachbar hebt eine Augenbraue.
«Sechs Zentimeter?»
«Ich kann nicht schwimmen. Also müssen die anderen im Gras untergehen.»
05.09.2026 12:44 - Nouri - Grasshopper Zürich (0.3 TK)
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