Von unserem Korrespondenten, der jetzt auch schon nach Tequila riecht
Ergebnisse? Wen interessieren die noch. In Mexiko zählt längst nur noch die Tabelle und die Geschichten drumherum, von denen jede für sich schon telenovela-tauglich wäre, würden sie sich nicht alle gegenseitig in die Suppe spucken.
Pepeke Guevara schweigt. Er schweigt, wie nur ein gebrochener Mann schweigen kann – nicht aus Trotz, nicht aus Kalkül, sondern weil die Worte ihm irgendwo zwischen Ehebett und Trainerbank abhandengekommen sind. Seine Presseabteilung wagt es kaum noch, ihn anzusprechen. Letzte Woche verbot er ihr gar, auch nur eine einzige Zeile zu veröffentlichen. Ein Mann, der sich selbst zum Schweigen verdammt hat, als wäre das die letzte Kontrolle, die ihm in seinem zerfallenden Leben noch geblieben ist. Erst der Anruf des Präsidenten, dieser eisernen Stimme von oben, presste ihm ein paar dürre Sätze ab. Druck wirkt eben schneller als jeder Therapeut – schneller auch als die Tequila, die inzwischen kaum noch betäubt, sondern nur noch begleitet.
Derweil in Coyoacán: Trainer Roquo, einst nur schmuckloser Übungsleiter seiner Studenten-Kicker, steigt gerade hauptberuflich zum gefragtesten Starpsychologen der Liga auf – Talkshows, Ratgeberkolumnen, druckreife Weisheiten über Selbstliebe und mentale Stärke inklusive. Nur seine eigenen Pumas scheinen von all der geballten Seelenkunde herzlich wenig mitzubekommen. Sie treten auf der Stelle, genau wie die anderen Raubkatzen aus Nuevo León, als hätte ihr Trainer seine gesamte Empathie fürs Fernsehpublikum aufgespart und für den eigenen Kader schlicht nichts mehr übrig.
Don Limon derweil, ausgepresst bis zum letzten Tropfen, befindet sich aktuell auf Weltklasse-Niveau und produziert Sätze, die so belanglos sind, dass sie noch vor dem Aussprechen verdunsten. Kürzlich verwechselte er Guevara doch tatsächlich mit einem Steppenfürsten, vermutlich Fieber, vermutlich vom Tabellenplatz
befeuert.
Und dann Fubini: Auch er sucht seine Anna. Verschwinden hier reihenweise die Frauen, oder hat einfach nur Limon zu viele Antworten und zu wenig Gewissen?
Nebenan, beim Erzrivalen, büßt der schrecklich unsympathische Herbster verdientermaßen auf der Therapeutencouch. Bösartigkeit, so scheint's, hinterlässt eben doch Spuren – auch mental. Und man muss sagen: Es geschieht ihm recht. Sein Team dümpelt so verdient erfolglos durch die Saison wie er selbst durchs Leben stolpert – planlos, hochnäsig, ohne jeden Funken taktischer Weitsicht. Eine Fünferkette, die aussieht wie freundschaftliches Zusammenstehen beim Grillfest, ein Pressing, das eher an Spaziergang erinnert als an Fußball – Herbster taktiert, als würde er sich selbst am liebsten sabotieren, und trifft damit, so bösartig es klingt, endlich einmal ins Schwarze.
Vielleicht, so raunt man in den Katakomben der Liga, sei es gar keine Bosheit mehr, sondern schlicht Erschöpfung, die aus ihm spricht. Ein Mann, der so viel Häme über andere ausgeschüttet hat, dass ihm am Ende nur noch das eigene Scheitern als Gesellschaft bleibt. Die Tabelle straft ihn, wie er andere gestraft hat – ein kleines, bitteres, fast schon gerechtes Gleichgewicht des Universums.
Guevara selbst sitzt derweil zuhause, dem Foto von Popoke gegenüber aufgestellt wie ein kleiner Hausaltar der verlorenen Liebe. Er schenkt sich ein Glas ein, dann eins für sie, trinkt beide – und schenkt wieder nach, immer und immer wieder, als könnte sich in der Wiederholung irgendetwas heilen. Er vermisst die scharfen grünen Tacosaucen zum Frühstück, ihre Haare, die Stupsnase, die Kurven, die er nie in Worte fassen konnte und es auch jetzt, in seiner stummen Trauer, nicht versucht.
Seine Tigres gehen derweil unter peruanischem Einfluss unaufhaltsam baden. Ihn kümmert's kaum. Er fragt sich nur eines, immer wieder, in die Stille und ins Schweigen hinein: Sieht er seine Popoke jemals wieder?
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