Quo vadis? Erstmal ins Krankenhaus, den immer noch unter der Vergiftung leidenden Trainer Xelaju besuchen. Während der Mannschaftskapitän noch mühselig versuchte, mit dem Handy die Pressekonferenz zu starten, blickte Xelaju versonnen ins Abendlicht: „Wir hatten zwei Auswärtsspiele hintereinander! Bei den Distanzen in Usbekistan, den schlechten Straßen und den, äh, Sicherheitskontrollen durch patrollierende Fußballfans, die jeweils Schlagbäume in den eigenen Vereinsfarben über die
Straße legen, ist das keine Zumutung mehr, das ist Wettbewerbsverzerrung. Kein Wunder, dass wir ohne eigenen Treffer wieder zurückgekommen sind. Und wen schicken sie uns jetzt zum Heimspiel? Den unangefochtenen, den ungeschlagenen Tabellenführer! Wie sollen wir denn in unserem Zustand überhaupt 11 Leute zusammentrommeln? Gut, wir haben unsere B-Jugend, die waren nicht unterwegs. Das wäre eine Option, aber ich de-“ jäh durchzuckt einer Schmerz Xelaju. Als verlorener und vergifteter Sohn leider er viel - wie lang noch?
Nach dem erfolgreichen Saisonauftakt war in den qualitativ minderwertigen Medien Usbekistans über die tatsächlichen Erfolgschancen Xelajus spekuliert worden. Spektaktelfußball gewinnt Spiele, aber keine Meisterschaft war dabei noch der mildeste Titel gewesen. "Ich möchte hier nicht über Olmaliq-feindliche Presse, mit Vodka gekaufte Journalisten oder gar Verschwörungstheorien, deren Spuren eindeutig nach Andijon führen, sprechen. Mir ist es wichtig, über die vergangenen beiden Spiele zu reden. Ich bin äußerst unzufrieden mit unsserm Auwärsspieeel bei Tassshhknnt, abr s Spiel gn Antischoooon war suuuuuupa. Den hammas
ssseicht."
Erst drei Tage später konnte sich Xelaju zu seinem merkwürdigen Statement auf der PK äußern. "Ich fürchte, dass mir von einem der ungeschätzten Pressevertreter etwas in meinen Drink gemixt wurde. Das Zeugt hat dermaßen schnell gewirkt, dass ich noch nicht mal Andijon nach unserem deutlich, höchst überlegenen und sowohl spielerisch als auch moralisch mehr als verdienten 4:0 Sieges niedermachen konnte. Das dürfte Indiz Nummer 1 sein, dass ich nicht mehr Herr meiner Sinne war. Wir müssen nun schauen, ob ich den schlechtesten Spieler der Trainingswoche zum Probetrinken mit zur PK nehme, oder ob wir eine andere Lösung finden."
Es war tatsächlich ein Schützenfest der besonderen Sorte, das die Fans von Olmaliq FC bestaunten. Die Heimmannschaft spielte sich zwischenzeitlich in einen Rausch wie er sonst nur durch den Konsum von Sommer-Vodka-Redbull erzeugt wird - 5:3 triumphierte Xelajus Mennschaft. "Diesen Zug zu bremsen war echt schwer, wir mussten ja sogar die Schienen rausreißen und der ist erstmal weitergefahren! Aber am Ende haben
wir die Lokomotive in den Stillstand versetzt und haben triumphiert!" jubelte ein erschöpfter, vor allem aber glücklicher Trainer Xelaju. Nun stehen Duelle bei FC Pakhtakor Tashkent und gegen die Pappnasen von Andijon an. "Wir sind breit, äh bereit!" rief Xelaju abschließend in die Mikros der anwesenden Journalisten und verließ die PK. Der verlorene Sohn scheint bei Olmaliq gut angekommen zu sein.
Nur wem im Geschichtsunterricht genau aufgepasst hat, dürfte sich noch an den Tag erinnern, an welchem ein damals aus dem Kamerun anreisender Trainer namens Xelaju seinen ersten Vertrag in Asien unterschrieb: Vor fast 15 Jahre kam Xelaju nach Usbekistan, um dort nach nur zwei, zudem auch eher mittelmäßigen Saisons und intensiven Feden mit einem dahergelaufenen Trainer namens Mao über Sambia nach Ägypten zu verschwinden.
"Ich habe einen völlig verzweifelten Anruf von Olmaliq erhalten, dass ihnen hier alles wegzubrechen drohte. Und da es mir in Ägypten zu heiß war und
das Bier längst nicht so gut schmeckte wie hier, habe ich sofort meine Koffer gepackt und habe mich auf den Weg gemacht. Gut, die Bedingungen sind derzeit nicht die besten, aber wir werden schon einen Weg finden, uns in der Tabelle wieder nach oben zu kämpfen."
Dass Xelaju erst so kurz vor Saisonstart eintrifft, lässt ihm keinerlei Zeit für eine vernünftige Saisonvorbereitung - eine willkommene Ausrede falls es doch nicht klappen sollte oder eher der nötige Ansporn, die Jungs von Olmaliq zu Höchstleistungen zu bringen? Das Auftaktspiel gegen Lokomotiv Tashkent wird es zeigen!
Die Erleichterung war in ganz Aswan spürbar, das Aufatmen überall hörbar und die Steine, ja Felsen, die so schwer auf dem Gemüt der Aswan-Fans gelegen hatten, purzelten mit einem lauten Rummms in den Nil - Aswan FC hat endlich den ersten Saisonsieg eingefahren! "Der Saisonstart (3:3 gegen El Mansoura) war holprig, die Klatsche in Port Said (0:5) übel und nun haben wir uns endlich für
all die harten Arbeit belohnt." 5:0 hieß es am Ende gegen einen völlig überforderten Ismaily SC und Xelajus Mannschaft überzeugte die frenetischen Anhänger. "Wenn wir solche Spiele häufiger abliefern, dann könnte es mit einer erfolgreichen Saison klappen. Aber am Ende zählt ja auch mehr, dass wir zweimal gegen ENPPI Kairo gewinnen, da ist die Platzierung ziemlich egal."
Mit einem lauten Plopp endete der fast 12-jährige Winterschlaf Xelajus und er wurde auf einem wenig gepflegten Trainingsplatz wach. "Ich muss hier wohl vor 11,5 Jahren beim Training ein kleines Nickerchen gemacht haben" grummelte der in den letzten Saisons wenig erfolgreiche Trainer. "Wenn man zum Ende zweistellige Tabellenplätze eingefahren hat, darf man sich nicht wundern, wenn man
das Saisonende nicht mehr als Trainer der Mannschaft erlebt. Will sagen - wenn wir nicht tunlichst in den einstelligen Plätzen landen, rechne ich mit einem baldigen Abschied." Sprach's, rollte sich zur Seite und stand schwerfällig auf. Die feixende Mannschaft schaute Xelaju beim individuellen Frühsport zu und begann mit dem Mähen des Rasens. Mal schauen, wie es bei Aswan weitergeht...
"Ich habe mehrere Angebote internationaler Spitzenmannschaften vorliegen. Haben Sie auch nur EINEN Grund parat, weshalb ich hier in Hutzikis, äh Usbekistan bleiben sollte?" Trainerlegende Xelaju fragte die anwesenden drei Zeitungsfritzen tatsächlich nach ihrer Meinung. -
"Weil Sie uns Erfolge versprochen hatten, die Sie bisher noch nicht eingefahren haben?"
-"Weil Sie heiß sind auf die Duelle mit Andijon?"
-"Weil Sie - statt international zu trainieren - doch lieber
für einen Retortenclub tätig sind?"
-"Weil Ihre Frau überall hinziehen würde, nur nicht hierhin?"
Wahrlich, damit hatte Xelaju nicht gerechnet - die sonst so schweigsamen Medienleute sprudelten geradezu über.
-"Weil Sie hier in Ruhe arbeiten können, da sich eh niemand für Sie interessiert?"
Xelaju schloss daraufhin die Preffekonferenz mit den Worten: "Ich hatte Sie nur um einen einzigen Grund gebeten. Hören Sie beim nächsten Mal bitte genauer hin."
"Zwei verdammte Tore, zwei dämliche Tore haben den Unterschied ausgemacht. Ich habe mich auch drei Wochen nach Ende der Saison noch nicht beruhigt Wir könnten international spielen, aber nein, wegen dieser zwei Tore dümpeln wir jetzt wieder nur national rum." Trainer Xelaju war auf der Pressekonferenz kaum zu bremsen. "Ich habe verschiedene Angebote aus anderen Ligen vorliegen, aber ich fühle
mich ehrlich gesagt ein wenig herausgefordert, es allen Zweiflern nochmal zu zeigen und mit Olmaliq in der kommenden Saison auswärts international zu spielen." Die Koketterie mit den angeblich an ihm interessierten Vereinen führte bei den anwesenden Pressevertretern zwar zu Erheiterung, wurde von den Fans aber weniger froh aufgenommen - dem Dienstfahrrad Xelajus wurden die Reifen zerstochen und der Sattel geklaut.
Der internationale Startplatz ist wohl endgültig weg, Andijon kaum noch ein- geschweige denn zu überholen und trotzdem ist die Stimmung bei Olmaliq so gut wie nie. „Wir haben Andijon mal wieder an die Wand gespielt und im direkten Vergleich bewiesen, dass wir besser sind als sie. Alles andere ist zweitrangig!“ jubilierte Xelaju, der Nachfragen über seinen Verbleib in Usbekistan aber nicht vermeiden
konnte. Gerüchten zufolge zieht es den Weltenbummler schon wieder in die Ferne. Xelaju: „Wissen Sie, so schön es auch ist, mich mal wieder mit Mao zu messen, ich weiß noch nicht, ob und wo ich in der nächsten Spielzeit an der Seitenlinie stehen werde. Die Geschäftsführung hält sich derzeit noch zurück, mir einen neuen Vertrag vorzulegen, mehr muss man wohl nicht dazu sagen, oder?“
Der 8. Tabellenplatz ist weiterhin das Maß aller Dinge für Olmaliq. Trainer Xelaju: "Wir schaffen es einfach nicht, den Sprung unter die ersten Sieben zu wagen und hängen im Niemandsland rum. Aber ehrlich gesagt schiele ich derzeit lieber nach oben als nach unten, denn dort warten ein paar gehörig TK-vollgefressene Monster auf uns." Nach einer überflüssigen 4:6-Heimpleite, die nach 18 Minuten bereits durch 5 (!) Gegentreffer besiegelt war, gelang des
Xelajus Mannen allerdings in der Fremde zu punkten und knapp mit 6:5 bei Dinamo Samarkand zu gewinnen - nach dem Auswärtssieg bei eben jener torwütigen Truppe von Traktor Toshkent immerhin der zweite Dreier in der Fremde. "Es wird eine knappe Sache in den kommenden Wochen und wenn ich behaupte, dass wir die Meisterschaft wohl vergessen müssen, dann wird mir niemand widersprechen. Selbst unser Saisonziel, vor Andijon zu landen, werden wir wohl begraben müssen..."