Seit drei Tagen, seit San Stefano, ist Karneval in Venedig. "Sehr schön, meine Maske" findet Unione-Trainer Jägermeister. "Eine Maske mit Hirschnase und Geweih - sowas trägt hier wahrlich nicht jeder. Eigentlich gefällt sie mir so gut, dass ich sie vielleicht bis Martedi Grasso, dem Faschingsdienstag, tragen werde!"
Interessanter Nebeneffekt: Die Schmierfinken der Lokalpresse wissen nicht, wer sich hinter der Maske
verbirgt. Seit Tagen versuchen sie ein paar Statements von jenem Trainer zu bekommen, dessen Team zuletzt zu Hause gegen Fiorentina verlor, doch der Trainer ist nirgendwo für sie zu erkennen. "Hast du irgendwo gesehen Mister Jägermeister?" fragte Journalist Paolo vom venezianischen Fachblatt 'Gondoliera dello Sport' den Platzwart beim Unione-Training. "Steht da nur ein Idiot mit Geweih auf Kopf und nirgendwo zu sehen der Mister!"
Venedigs Trainerfuchs Jägermeister führte Unione nach dem ersten Spieltag gleich mal auf Platz zwei: "Toll, wie die Mannschaft Cagliari vom Platz fegte. Die mühsahme Anreise - Fähre, Eselskarren, Fähre - steckte den Sarden noch deutlich in den Knochen. Schade, dass im zweiten Match bei Sampdoria die Catenaccio-Taktik nicht aufging, die sich übrigens mein Co-Trainer - nicht ich! - ausgedacht hatte."
Dennoch findet Jägermeister, dass sich eine selten zuvor erlebte Calcio-Euphorie in der Lagunen-Stadt breit gemacht hat: "Neulich bestellte ich in einem Imbiss eine Pizza-Ecke für 8 Euro, und der Wirt erkannte mich. Was
passierte? Ich brauchte nicht den doppelten Preis zu zahlen, obwohl ich draußen auf der Terasse saß! Ich brauchte nur den einfachen, regulären Preis zu zahlen, und die Benutzung des Bestecks wurde mir auch nicht in Rechnung gestellt. Ich glaube, die Venezianer lieben mich!"
Auch an dem einen Tickethäuschen vorm Stadion soll diese Euphorie nach Ansicht des Trainers beim nächsten Heimspiel spürbar sein: "Ein zweiter Vaporetto zwischen Innenstadt, Stadion und Lido wird zum Transport der Zuschauermassen eingesetzt. Reisen Sie alle pünktlich an, denn wir rechnen beim nächsten Heimspiel mit mindestens 4.000 Zuschauern!"
"Venedig - wie schön!" seufzte Trainer Jägermeister anlässlich seiner Vorstellungs-Pressekonferenz auf dem Markusplatz. "Diese Stadt gehört einfach in die Serie A. Wer sonst hat ein Stadion, dass nur per Vaporetto zu erreichen ist? Wer sonst hat einen Fanshop, der, in einer Seitengasse versteckt, gefühlte 5 Quadratmeter groß ist? Der FBC Unione Venezia! Und während andere italienische Stadien vor Allem durch die Verwendung von Quadratkilometern von Beton beeindrucken, setzte man bei der Konstruktion des Stadio in Venezia auf schlichte Stahlrohrtribünen. Welch feines Understatement und welch großer Kontrast zu den vielen baulichen Meisterwerken hier am Markusplatz!"
Und á propos
Meisterwerke: "Von uns erwartet zum Glück niemand die Meisterschaft oder sonstigen sportlichen Erfolg. Denn kein Ministerpräsident und keine einflussreich-kriminelle Famile hat in diesem Verein die Finger im Spiel. In Venedig geht es statt um Erfolg ausschließlich um den Anspruch, morbiden Charme auszustrahlen. Das sollte uns auch in der Liga gelingen!"
Sprach's und führte gleich am ersten Tag eine Innovation ein: "Meinen Spritz, statt mit Aperol, Prosecco und Olive, bitte mit Jägermeister, Prosecco und Olive. Prost!"
Auch einen neuen Schlachtruf fiel Venezias neuem Trainer nach dem dritten Jägi-Spritz ein: "Die nennen sich hier Unione? Wie wär's mit Eisern Unione?! EISERN UNIONE!"