Das hatte man sich in Marseille dann doch anders vorgestellt: "Wenn wir zwei Heimspiele haben, dann wollen wir sechs Punkte holen, das ist klar," so P. Deus. Das ging diesmal schief und prompt rutscht man in der Tabelle weiter nach unten. Der Rückstand auf die Spitze beträgt aber erst vier Punkte. "Alles halb so wild also," beruhigt der Kubaner die Situation, die sich, angesichts des harten Programms, in kürzester Zukunft wohl kaum merklich verbessern wird. "Das ist egal. Wir planen langfristig."
Wie zu erwarten war, kämpfen auch P. Deus und Olympique Marseille mit den Tücken des Spielplans. Die Platzierungen nach den ZATs hüpfen munter auf und ab, je nachdem, ob man eben zwei oder nur ein Heimspiel hatte. "Aber das ist ja nichts Neues. Wir lassen uns von der Kurvenlinie (was auch immer das sein soll a.d.R.) nicht aus dem Konzept bringen, schliesslich hält sich der Abstand zur Tabellenspitze noch in Grenzen. Und die ist ja unser erklärtes Ziel," so der Kubaner. Einen wichtigen Schritt hierhin kann man sicher am kommenden Spieltag tun, wo es gegen den Titelfavoriten Nummer Eins geht.
Ja, diese Gefahr besteht natürlich in Frankreich, die Gefahr zur Selbstzufriedenheit. Obwohl Marseille und Deus in den Ligue Awards leer ausgingen, hat der Kubaner wieder mal eine kubanische Sause einberufen, sozusagen als After-League-Award-Party. "Wir haben ja nicht wirklich einen Award erwartet. Da sind wir realistisch. Aber wir wissen, wie gerne meine Kollegen in der lebhaften Mittelmeermetropole ausgehen. Da brauchen sie natürlich ein gebührendes Vorglühen und einen kompetenten Ausgangsleiter. Natürlich kann ich da beides zur Verfügung stellen."
Gleich zwei mal muss man zur Analyse den Blick nach England werfen, aber das ist man sich ja mittlerweile gewohnt. Wichtig wäre allerdings, dass man gegen direkte Konkurrenten, den Unterschied machen kann. "Und da haben wir gegen den Hauptstadtverein schon eine sehr gute Chance vertan," so P. Deus. "Aber die Saison ist noch lang, wir sind noch in der Europa League engagiert, warten noch auf die Zeremonie der Ligue Awards und regen uns dann erst gegen Saisonende wieder über verpasste Chancen auf."
Als erstes gratuliert natürlich auch P. Deus dem neuen Meister! Das war eine astreine Aufholjagd (die auch für andere Teams möglich gewesen wäre, aber gerade deshalb so beeindruckend war)!
Deus geht mittlerweile in die siebte Saison mit Marseille. Immer konnte man international mitspielen, aber immer fehlte das letzte Glück oder Können zum grossen Coup. "Trotz allem fühle ich mich hier sehr wohl. Und ich werde sicher nicht aufgeben, bevor ich einen Titel gewonnen habe. Ausser vielleicht wenn weniger als die Hälfte aller Trainerplätze besetzt sind. Aber wir haben ja auch gerade qualitativ sehr guten Zuzug gekriegt diese Saison."
Ganz ein wenig hatte man auch in Marseille noch von der Meisterschaft geträumt, das muss auch P. Deus zugeben. Doch die gewagte Taktik ging gewaltig in die Hosen. Die Paten waren eher Marlon Brando denn Hugh Grant (oder so). Hatte man vor drei Spielen noch von der besten Platzierung seit dem Amtsantritt des Kubaners gesprochen, so ist nun die Qualifikation für das internationale Geschäft in Gefahr. "Nun das ist halb so schlimm," so Deus, "wir kennen das ja. Und angesichts der diesjährigen Erfolge Frankreichs, werden wir uns da sowieso nur blamieren. Und das wäre schlecht für unseren Koeffizienten und somit auch für die Attraktivität der Liga. Unser schlechtes Abschneiden ist somit also ganz uneigennützig..."
Je länger die Saison dauert, umso spannender wird die Ausgangslage in der Ligue 1. Die grosse Frage lautet: Wie viele Punkte kann man in sechs Spielen aufholen? Sechs, zehn, elf oder gar noch mehr? Deus gibt zu: "Ja, der Zeitpunkt ist gekommen, da muss auch ich mich mit dieser Frage auseinandersetzen. Das ist aber gar nicht mal so einfach, da man ja nicht weiss, gegen wen man an den letzten Spieltagen dann tatsächlich
spielen wird. In erster Linie muss ich mich allerdings selber an die Nase nehmen. Nur den Patenzug als Ausrede lasse ich nicht gelten. Das war für alle gleich und wir werden ja in Kürze sehen, wer damit am besten zurecht kam. Wir sind nicht unzufrieden mit dieser Saison, aber irgendwann mal möchten auch wir gerne den Titel holen. Ich bin ja der gefühlt einzig aktive Trainer der Ligue 1, dem das noch nicht gelungen ist."
Dank einigen ärgerlichen Heimniederlagen ist für Olympique Marseille der Traum vom Meistertitel wohl auch dieses Jahr schon wieder ausgeträumt. Ein Platz im internationalen Geschäft scheint realistisch, vielleicht sogar die beste Platzierung seit der Übernahme von P. Deus (wäre gleichbedeutend mit dem Vizemeistertitel). Doch wird das reichen, um den Kubaner in Frankreich
halten zu können? "Ich fühle mich sehr wohl in der Mittelmeermetropole und auch in der Ligue 1," gibt Deus zu Protokoll. "Aber ich bin nicht mehr der Jüngste und mache mir jedes Jahr Gedanken. Enschieden wird das jeweils spontan. Wenn, dann gibt es wohl einen Rücktritt. Ein Wechsel kommt eher nicht in Frage. Da müsste schon eine ganz grosse Nummer anklopfen."
Der Autor, dessen Initialen im Titel zu finden sind, hat ein Buch geschrieben, dessen Titel wir eigentlich gerne verwendet hätten. Es kam uns dann allerdings zu unoriginell vor. Immerhin haben wir mit dieser Erklärung schon einiges an Zeichen gutgemacht.. Trotzdem wollen wir uns noch einmal auf das Wesentliche konzentrieren und wichtige Fragen stellen: Wird W. Power Meister? Wer sollte das verhindern
können? Wie sieht die Zukunft der französischen Liga aus? Was wird P. Deus in der nächsten Saison tun, wenn er nicht den Titel verteidigen muss? Wie viele Baguette werden pro Tag in Marseille verkauft? Wer der französischen Trainerkollegen mag gerne Austern? Die Antworten auf diese Fragen sind entweder selbsterklärend, werden gar nicht aufgelöst, oder muss jeder für sich selbst herausfinden.
Ja, auch P. Deus ist nicht gluecklich ueber die Lage in der franzoesischen Ligue 1. Zum einen ist es sportlich maessig spannend (besonders verglichen mit anderen Jahren), zum anderen machen die vielen trainerlosen Vereine das Ganze schon ein wenig uninteressant. Immerhin darf man diesmal zwei Trainer analysieren (und wie alle in Frankreich haben es die in sich). Aber auf die Dauer wirkt das schon ein wenig demotivierend. Ob ein internationaler Startplatz allerdings eine Motivation oder eine zusaetzliche Belastung darstellt, kann Deus nicht mit Sicherheit beantworten. Er weiss aber auch, dass weglaufen normalerweise keine Loesung ist. Aber irgendwo muss man dann schon ein wenig Motivation auftreiben koennen.
Nach einem etwas harzigen Start (vor allem gemessen an den hohen Erwartungen in Marseille) hat sich OM etwas erholt. Stetig klettert man in der Tabelle nach oben und holt nun auch wichtige Auswärtspunkte. Der Abstand zu Platz zwei beträgt nun nur noch drei Punkte, wo man doch vor kurzem noch um die Teilnahme am internationalen Wettbewerb bangte. Reserven sind auch noch vorhanden. Die Frage ist aber nur, wie weit nach oben es reicht. Sochaux hat da schon einen beeindruckenden Vorpsrung. "Was Kollege Power im Moment leistet ist gigantisch," muss Deus neidlos anerkennen. "Es wird äusserst schwierig, ihn noch abzufangen. Aber selbst für die Europa League gibt auch noch viele andere Kandidaten."
Als einer der wenigen Teams mit einem Coach steht OM auf einem Platz, der nicht zur Teilnahme an einem internationalen Wettbewern berechtigt. P. Deus sieht da die positiven Seiten: "Ich liebe ja die Exklusivitität. In Frankreich bin ich ja damit besonders verwöhnt. Aber fussballerisch kenne ich das noch nicht so. Da bin ich froh, kann ich nun endlich mal etwas Neues und Aussergewöhnliches erleben. Wenn ich es allerdings realistisch betrachte, sind wir doch sehr gut unterwegs für einen internationalen Startplatz. Um mich aber auch an der allgemeinen Tiefstapelei zu beteiligen, muss ich doch sagen, dass der Tabellenführer doch schon zu weit weg ist. Da waren wir andere Jahre bedeutend näher dran."
Auch wenn er durchaus eine gewisse Verbundenheit zu La France und der Ligue 1 fühlt, so denkt sich auch P. Deus seinen Teil zur gegenwärtigen Lage und zu seiner persönlichen Zukunft. Letztere bleibt aufgrund ersterem unsicher. Das Sabbatical, welches der Kubaner die letzten zwei Saisons gezogen hat, hat ihm die schönen Seiten des süssen NIchtstuns noch einmal grandios vor Augen geführt, was ihn doch schon immer wieder reizt. Allerdings besitzt auch Deus (und auch wenn das viele nicht glauben) einen gewissen Grad an Ehrgeit. Ob eine Patenliga allerdings das richtige Mittel ist, um diesen zu stillen, weiss selbst er nicht. Das wird vielleicht die Zeit zeigen, vielleicht aber auch nicht.
Ein weiteres Mal trifft man sich in Marseilles Hafenkneipen zum Auswürfeln der nächsten Ergebnisse. P. Deus hat das Vorgehen mittlerweile perfektioniert und traditionalisiert. Es gibt zahlreiche Fans, welche diese Veranstaltung mit grösserer Vorfreude besuchen, als die Spiele im Stade Velodrome. Man schätzt die familiäre Atmosphäre und den ungezwungenen Umgang, sowie die deliziösen kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt. Für Deus ist das natürlich eine ambivalente Entwicklung. "Natürlich sind diese Veranstaltungen für unsere Fans gedacht. Ich wünsche mir aber, dass man sich in Frankreich wieder mehr auf das sportliche Geschehen konzentrieren kann."
Auch P. Deus hat sich jeweils auf die Ligue Awards gefreut. Da er während seines Sabbaticals das Geschehen der Liga nicht mitverfolgte, fühlt er sich ausserstande, Empfehlungen abzugeben, hofft aber, dass dies von anderer Seite noch geschehen wird. Ebenso hofft er natürlich, dass sich die Ligue 1 wieder füllen wird. Dies ist jedoch wohl eher ein Wunschtraum, so wie es im Moment ausssieht. Immerhin darf man an diesem ZAT gleich dreimal gegen ein Team mit einem Trainer ran. Da freut sich doch der sehr soziale Kubaner umso mehr drauf. Ausserdem ist ja auch offensichtlich, dass jeder Trainer ein Konkurrent im Kampf um den Titel ist. Da ist man ja gleich doppelt motiviert.
So langsam aber sicher trennt sich auch in Frankreich die Spreu vom Weizen. Die trainerlosen Teams werden nach hinten gereicht. Nur die etwas vorsichtigeren und sparsameren Trainer Frankreichs dümpeln noch im Niemandsland der Tabelle um. P. Deus zählt nach dieser Rechnung nicht zu der Fraktion. "Für Prognosen ist es definitiv zu früh," so der Kubaner, "aber es gibt sechs
internationale Startplätze für elf Männer. Selbst mit Würfeln hast du da eine ziemlich realistische Chance." Warum die Grande Nation bei der Copa-Gemeinde so unbeliebt ist, kann der erfahrene Coach auch nicht beantworten. "Das ist mir unverständlich. Die Kollegen haben einen guten Ruf, die Teams viel Tradition, und vom berühmten Savoir-Vivre will ich gar nicht erst anfangen."