Der Totengräber hat recht, in Uruguay ist gerade Frühling. Man möge uns nachsehen, dass uns die Südhalbkugel als internationalem Jetsetter immer noch gelegentlich durcheinanderbringt.
Am Freitag geht es nach Tacuarembó, und während sich der Totengräber auf einen echten Trainer freut, freuen wir uns auf den amtierenden Meister. Auf dieses Aufeinandertreffen
haben wir ehrlich gesagt gewartet.
Dann klingelt mitten in der Vorbereitung das Telefon. Trainer Qbatur, der wie immer Aufmerksamkeit möchte, und ehe man sich versieht, steht er in unserer Trainerkabine. Ob er dort nun unseren Trainingsplan studieren oder einfach für Ablenkung sorgen will, bleibt offen. Die Frisur jedenfalls wird von Woche zu Woche wilder. Wo ist Haller, wenn man ihn braucht!?
... oder doch eher Herbstferien? Treffender hätte man unsere vergangene Woche auch nicht nennen können.
Zwei Spiele, zwei Niederlagen, und die schmerzhaftere davon im eigenen Stadion. Dass ausgerechnet Defensor Sporting daheim bei uns vier Tore erzielt, nachdem man auswärts die halbe Saison lang das gegnerische Tor gar nicht getroffen hat, darf man Piotr van Hausen nicht vorwerfen. Das nennt man wohl
den richtigen Moment erwischen. Glückwunsch dorthin, und ebenso nach Danubio zur Herbstmeisterschaft.
Als Hero der Woche ist man damit aus dem Rennen, was die Sache deutlich übersichtlicher macht. Drei Punkte Rückstand, dreizehn Spiele gespielt, dreizehn offen. Es ist also noch nichts verloren, auch wenn man hier gerade ungern in die Tabelle schaut. Vielleicht braucht es auch einfach zwei bessere Spieltage.
Montevideo. Uruguay hat vierzehn Erstligavereine und zehn Trainer. Piotr van Hausen bietet inzwischen 5.000 Dollar Handgeld, Harry Haller nennt uns das Sorgenkind des Kontinents, und Totengräber Chrille hat diese Woche vorgeführt, wie man die Prämie am elegantesten kassiert: erst kündigen, dann unterschreiben.
Wir schlagen daher ein anderes Format vor. Eine Staffel Selling Sunset, gedreht am Río de la Plata.
Objekt eins: charmanter Altbau in Tacuarembó. Amtierender Meister, Tabellenplatz
zwölf, seit Freitag frei. Schlüssel liegen bereit.
Objekt zwei: Traditionsadresse in Montevideo. Serienmeister, eigenes Publikum, im Keller lagern 39,7 unberührte TK. Renovierungsbedarf im Angriff.
Objekt drei und vier: bezugsfertig, keine Vormieter, keine Übergabe nötig.
Lage: Strand, Berge, kurze Wege, überschaubare Nachbarschaft. Und ein Meister, der gegen den Abstieg spielt, ist kein Makel. Das ist ein Gesprächsangebot.
Freitagvormittag, Fitnessstudio, Laufband vier und Laufband fünf. Auf dem einen qbatur, auf dem anderen Ramirez. Genickt wurde. Gesprochen nicht. Nach vier Minuten erhöhte qbatur das Tempo. Nach fünf Minuten auch Ramirez. Nach acht Minuten warf qbatur das Handtuch und ging wortlos. Dazu der Generalverdacht, unter dem beide seit Wochen stehen, wie Herr Haller zuletzt durchblicken ließ. Die Spannung steigt.
Ein Gruß geht außerdem
an Diego A. Villareal, der zuletzt die Geschichte des Estadio Olimpico ausgegraben hat. Wir mögen Trainer, die den morbiden Charme dieser Stadt zu schätzen wissen. Beim Derby helfen ihm die Götter des Olymps trotzdem nur begrenzt, bei uns entscheidet eher der Wind vom Río de la Plata. Bälle, die im Meer landen, geben wir aber selbstverständlich zurück. Geschenke für den ehemaligen Meistertrainer der Ramplas gibt es ansonsten keine.
Eine weitere Woche, und noch immer finden sich keine vier neuen Trainer. Wer damals für die Vergrößerung der Liga gestimmt hat, darf sich langsam fragen, ob man nicht doch besser bei zwölf geblieben wäre. Denn dass mittlerweile die Hälfte der trainerlosen Teams auf internationalen Startplätzen stehen, ist entweder ein Kompliment an die Vereine oder eine Ohrfeige für die Zunft. Beides klingt nicht
gut.
Immerhin: Kollege Haller hat die Schaffenskrise inzwischen anderen zugeschrieben und Rampla die Tabellenspitze zugestanden. "Zwei schmutzige Heimsiege", schreibt er. Man nimmt das Kompliment, so gut man kann.
Nun geht es auswärts nach Danubio, danach daheim gegen Maldonado. Die Tabellenführung nach fünf Spieltagen ist ungefähr so haltbar wie ein Versprechen im Wahlkampf. Aber solange sie da ist, schaut man sie sich gerne an.
Man liest die Kolumne von Herrn Haller inzwischen mit einer gewissen Routine. Erst war man kläglich gescheitert, dann schmutzig, jetzt zum zweiten Mal Hero der Woche. Fad ist es in dieser Liga jedenfalls nicht.
Ein Kollege hat kürzlich geraten, weniger emotional zu spielen. Rational kalkulieren, Spieler schonen, Risiko vermeiden. Gut gemeint, und vermutlich auch nicht falsch. Aber wir sind hier am Río de la Plata, und ganz ohne Herz geht es hier selten.
Dass wir als letzter uruguayischer Vertreter in der Copa Libertadores weitermachen dürfen, freut uns. Für uns hat es diesmal gereicht. Die Fahne tragen wir gerne weiter, so lange es geht. Versprechen kann man nichts, außer dass wir unser Bestes geben werden.
Wo sind die Hobbydetektive, wenn man sie braucht? Wer in einer Woche voller Reptiloiden-Theorien, Geister-Trainer und der ersten Entlassung der Saison ein einzelnes Auswärtstor zur Schlagzeile erhebt, dem sei die Schaffenskrise verziehen.
Tatsache bleibt: Rampla Juniors FC steht solide im Mittelfeld, mit Copa-Libertadores-Teilnahme im Gepäck, während andere Kollegen mit der Taktiktafel gegen leere Stühle sprechen. Wo bleibt das Feuer der Uruguayischen Liga? Hier schlafen einem ja die Füße ein. Vielleicht hilft ja ein Kaffee.
Vierzehn statt zwölf Vereine. Die neue Zeitrechnung ist also offiziell angebrochen. Nicht restlos begeistert ist man allerdings von einem Detail: Drei Klubs stehen bislang ohne Trainer da. Zombie-Vereine, gesteuert von wem auch immer.
Zum Auftakt selbst: Ein 2:2 auswärts bei Huracán Buceo, solide, aber ohne Glanz. Rampla findet sich vorerst im gesicherten Mittelfeld wieder, Rang sechs. Für einen ersten Spieltag: kein Grund zur Sorge, aber auch keiner zum Jubeln. Immerhin: Bei vierzehn Vereinen gibt es jetzt auch mehr Platz zum Verstecken.
Die Sommerpause ist vorbei, das Trainingslager abgehakt. Zeit für einen kurzen Rückblick.
Glückwunsch an Tacuarembó und Paysandu, die sich Platz eins und zwei der Vorsaison knapp ausgemacht haben. Rampla blieb auf Platz drei. Was fast Nebensache angesichts dessen ist, was daneben geschah: ein Finale in der Copa Americana, das niemand auf dem Zettel hatte, und am Ende der Titel. Los Picapiedras haben sich selbst überrascht.
Nun beginnt Neues: vierzehn statt zwölf Vereine. Der Anspruch bleibt derselbe.
Manche Saisons verlaufen schnurgerade. Diese hier war eine Berg- und Talbahn, und Rampla saß meistens ganz vorne. Der Start: ein klassischer Fehltritt in den Tabellenkeller. Was folgte, war keine normale Aufholjagd, sondern purer Voodoo – aus dem Nichts katapultierte sich das Team bis auf Platz eins und verteidigte die Tabellenführung über mehrere Spieltage.
Jetzt, kurz vor
Saisonschluss, bleibt die Meisterschaft anderen überlassen. Tacuarembó und Paysandu balgen sich im direkten Duell. Sauberes Skript, druckreif.
Bevor es nun für alle ins Trainingslager oder in den wohlverdienten Urlaub geht: Den Kollegen an den Seitenlinien – ob im Titelkampf oder im gemütlicheren Mittelfeld der Tabelle – erholsame Wochen und gute Erholung für die nächste Saison.
Es gibt Wochen, in denen man zwei Geschichten gleichzeitig erzählen muss – eine mit gesenktem Blick, die andere mit hochgekrempelten Ärmeln.
Die erste: In der Primera División ist der Sturm auf die Tabellenspitze endgültig vorbei. Rang zwei ist Geschichte, der Blick nach oben mittlerweile eher Nostalgie als Ambition. Man hat sich, sagen wir es diplomatisch, in Richtung Tabellenmitte verabschiedet – leise, ohne großes Aufsehen, aber unübersehbar. Wehmütig macht einen das schon, wenn man bedenkt, wie nah man
der Spitze noch vor wenigen Wochen war.
Die zweite Geschichte klingt da schon anders. Während die Konkurrenz aus der Liga zuhause bleibt, steht der Rampla Juniors FC im Finale der Copa Americana – und zwar allein. Wer Uruguay auf internationalem Parkett noch vertritt, das ist jetzt exklusiv Aufgabe der eigenen Mannschaft.
Die Tabelle wird man dieses Jahr nicht mehr erobern. Aber ein Land vertreten, wenn sonst niemand mehr da ist – das lässt sich, mit etwas Stolz und einem kleinen Kloß im Hals, auch als Erfolg verbuchen.
„Eingeschlafene Füße" wurde der Liga diese Woche attestiert – und wer die Tabelle betrachtet, mag kaum widersprechen. Neun Plätze unverändert, nur das Schlusslicht rotierte intern ein wenig. Immerhin Bewegung am Spielfeldrand: ein neues Gesicht auf einer Trainerbank hier, ein Wechsel dort – Randnotizen, die man in ruhigeren Wochen kaum erwähnen würde.
Interessanter ist da schon die Wortwahl gewisser Kollegen.
In einem Artikel aus dem River-Plate-Lager war neuerdings von „Trainerkolleg:innen" die Rede – ein Detail, das kaum auffiele, stünde es nicht in der Feder eines Mannes, der zuletzt mehr Zeit mit Beschattung als mit Taktikanalyse verbracht hat. Führt Haller inzwischen Akte über Wortendungen? Ramirez nimmt es zur Kenntnis – mit der Gelassenheit von jemandem, der weiß, dass ein Korkbrett voller Fäden noch keine Story macht.
Während qbatur hibbelig auf der Trainerbank sitzt, die Waden angespannt, den Blick starr auf das Spielfeld gerichtet, sitzt Gaylord Ramirez und liest. Die Artikel der Primera División. Besser als jede Telenovela, ehrlich gesagt.
Heute ist ein voller Tag. In der Primera División und im Halbfinale der Copa Americana zusammengerechnet trifft Rampla Juniors auf insgesamt drei uruguayische
Mannschaften. Ein lokales Stelldichein der besonderen Art.
Kurz vor Matchbeginn klingelt das Telefon. Harry Haller ist am Apparat. Er klingt müde. Sehr müde. Er möchte sich nächste Woche treffen, auf neutralem Boden, zum Austausch unter Trainerkollegen. Austausch. Natürlich. Ob dabei mehr ausgetauscht oder ausgehorcht wird, bleibt abzuwarten. Ramirez notiert den Termin. Und liest weiter.
Montevideo. Wenn die Nacht über der Stadt zusammenschlägt und der Mate-Tee bitter wird, reden die alten Männer in den Hafenkneipen nicht über Taktik. Sie reden über das Verborgene. Die Gerüchte um Tor-Fan reißen nicht ab: Nach fünfzehn Jahren des Vergessens flüstern sie sich auf den Tribünen nun eine Entführung im dichten Nebel des Hinterlands zu. Tage des Schreckens und eine lautlose Rückkehr. War es ein Racheakt aus alten Zeiten oder einfach der ganz normale Wahnsinn dieser Liga?
Gaylord Ramirez sitzt auf der Tribüne, den Mantelkragen hochgeschlagen, und beobachtet das
Aufwärmprogramm. Drüben im Verborgenen, wo das Flutlicht das Stadion nicht mehr erreicht, steht Harry Haller tief im Schatten. Ein Phantom auf ewiger, geheimnisvoller Detektivarbeit, das hier eigentlich überhaupt nichts zu suchen hat und dennoch jede Bewegung seziert. Sein Blick ist starr auf den Ball gerichtet. „Manchen Männern entkommt man nicht, egal wie tief sie im Internet abgebogen sind“, murmelt ein älterer Herr auf dem Nebensitz und spuckt Tabak auf den Beton. Ramirez nickt schweigend. Die Nerven liegen blank, der Spieltag steht vor der Tür. Bleibt zu hoffen, dass das Drama diesmal auf dem Platz bleibt.
Ein 1:4 gegen Nacional, der Verlust der Tabellenführung – das saß. Jetzt steht das Rückspiel gegen Peñarol an, Platz 6 – kein Selbstläufer, aber mit dem Hinspiel im Rücken durchaus machbar. Unterdessen aus Montevideo: Trainer Haller hat seine nächtlichen Beschattungsaktionen offenbar eingestellt, dafür aber online weitergemacht. TikTok, Telegram – die Ermittlungen laufen jetzt digital. Gefunden hat er bislang nichts. Mitstreiter allerdings schon. Eine kleine Gemeinde von Schwurblern – man bleibt schließlich unter sich. Familiär, quasi.
Das 5:0 gegen Paysandu war ein Statement. Drei Tage später, auswärts in Maldonado, sah es anders aus. Rampla kämpfte – und verlor knapp mit 2:3. Kein Einbruch, aber ein Hinweis. Die Copa Americana fordert ihren Tribut. Wer auf zwei Hochzeiten tanzt, spürt das irgendwann in den Beinen. Die Frage, die sich stellt: Hat die Doppelbelastung Spuren hinterlassen – oder war Maldonado schlicht gut genug? Paysandu lauert mit einem Punkt Rückstand. Peñarol und Maldonado atmen im Nacken. Die Tabelle ist eng, und die Konkurrenz hat bemerkt, dass Rampla nicht unschlagbar ist.