Nachts, ein Taxi durch Morelia. Luminos steigt ein. „Wohin, Maestro?"
„Irgendwo anders." „Anders sagen Sie seit Jahren. Und jedes Mal halte ich am Stadion oder vor Ihrer Tür."
„Heute woanders." „In der Stadt finden Sie jede Gasse blind. Fünf zu null, drei zu zwei. Aber sobald wir über die Stadtgrenze fahren —"
„— wird es
still." „Sechsmal raus aus der Stadt, sechsmal nichts mitgebracht. Null zu vier. Null zu drei. Immer null."
Die letzten Häuser ziehen vorbei. „Umdrehen?"
„Fahren Sie. Irgendwo muss draussen ja auch eine Strasse hinführen."
Der Elfte der Liga lässt sich durch die Nacht kutschieren — und merkt nicht, dass der Fahrer längst wieder heimwärts abgebogen ist.
Training in Morelia. Auf dem Platz stehen elf Hütchen und wirken defensiv stabiler als die Monarcas. Luminos pfeift ab, bevor der erste Fehlpass beleidigt zurückrollt. Platz zwölf, 26 Tore vorn, 31 Geschenke hinten: Die Krise hat inzwischen Dauerkarten. „Wir spielen mutig“, sagt er. Pepe vom Friseursalon in Morelia nickt: „Ja. Mutig ist auch, ohne Bremsen bergab zu fahren.“ Vor ZAT 9 gilt: CF Querétaro ärgern, Puebla FC schlagen, hinten endlich abschließen. Nicht nur die Kabinentür. Sonst föhnt Pepe dem Libero persönlich den Kopf!
Mercado in Morelia. Stand mit Mangos. Luminos prüft eine, riecht daran, legt sie zurück. Die Verkäuferin schaut zu.
"Senor. Sie suchen lange."
"Welche bleibt am längsten?" "Wozu?"
"Damit ich Zeit habe, mich an sie zu gewöhnen."
Sie wischt die Hände am Schurz. "Ein Mann, der fünf Mangos verschiebt, bevor er kauft. Sie sind nicht von hier."
"Doch. Seit vierzehn Jahren." "Vierzehn?"
"An verschiedenen Adressen."
Sie lacht. Lang. "Senor. Eine Mango wartet nicht, bis Sie wissen, wo Sie wohnen."
Friseursalon in Morelia. Pepe wischt das Waschbecken. Luminos kommt rein. Ohne Termin. Hängende Schultern. "Senor."
"Cobras." "Hm."
"Vier zu fünf. Zu Hause." "Senor."
"Und Monterrey. Null zu drei. Auswärts." "Senor."
Pepe legt die Schere weg. Setzt sich auf den freien Stuhl gegenüber. "Senor. Letzte Woche: Platz neun. Diese Woche: Platz zwölf. Das ist anders. Sie wollten anders."
"Nicht so anders." "Es gibt kein wenig anders. Es gibt
nur anders."
"Acht Treffer in zwei Spielen geschluckt. Achtzehn zu einundzwanzig. Wir schiessen viele Tore. Und kassieren mehr." "Sie sind Offensive. Mit Loch."
"Pepe. Was schneidest du heute?"
Pepe schaut lange. "Heute nichts, Senor. Heute hören wir Bossanova. Heute trinken wir Mezcal. Heute zählen wir nicht durch."
"Und morgen?" "Morgen vielleicht den Co-Trainer."
Beim Monarcas wird dieses Wochenende weniger frisiert als grundiert und der Friseur ist plötzlich der mit dem ruhigsten Schnitt der Stadt.
Friseursalon in Morelia. Bossanova aus dem Radio, Talkumduft. Luminos sitzt im Sessel. Pepe nimmt die Schere. "Wie immer, Senor?"
"Anders." "Anders ist gefährlich."
"Platz neun ist gefährlicher."
Pepe legt die Schere weg. "Senor. Sie kommen seit sechs Wochen. Sagen immer 'anders'. Ich schneide immer dasselbe."
"Diesmal wirklich." "Wie damals in Bogotá? Wie bei América?"
Stille.
Pepe greift wieder zur Schere. "Cobras zuhause, dann Monterrey auswärts. Vielleicht reicht Trimmen."
Vor dem Doppelpack ist beim Tabellenneunten selbst der Frisör schon Strategieberater.
Trainer Luminos starrt auf die Tabelle. Platz 9. „Mediocre," sagt er auf Spanisch. Klingt nicht besser. Frisch in Pachuca verloren.
Sein Co kommt rein: „Boss, der Mannschaftspsychologe wartet draußen." „Sehr gut. Soll er reinkommen."
Im selben Moment flattert ein orangefarbener Monarchfalter durchs offene Fenster, setzt sich auf die Aufstellung. Genau auf den Stürmer, der gegen Pachuca den Elfer verschossen hat. Luminos nickt langsam. „Verstanden. Bank."
Der Co schaut zur Tür, wo der Psychologe immer noch wartet. Vor dem Heim gegen Santos Laguna gilt bei Morelia jetzt offenbar: Wer fliegt, der spielt nicht.
Morelia. Tauben. Der Schatten der Kathedrale wandert. Luminos sitzt. Ein Schuhputzer kniet vor seinen Füssen. "Sie sind nicht aus Morelia, Senor."
"Doch. Vor 14 Jahren." "Aha. Der Meistertrainer." "Sie haben damals gewonnen. Dann Bogotá. Wieder gewonnen, sí?"
"Gegangen." "América. Auch
gewonnen?"
"Gegangen." "Claro."
Bürste. Wachs. Stille.
Der Alte reicht die Schuhe zurück. Strahlend poliert. "Darf ich Sie was fragen, Senor?"
"Bitte." "Wie kommt es, dass Ihre Schuhe nach 14 Jahren noch aussehen wie aus dem Karton?"
Sag es nicht.
Der Alte lächelt. "Sie sind nie weit gelaufen."
Morelia. Es gibt Niederlagen, die einfach weh tun. Es gibt Niederlagen, die einen nachdenklich machen. Und dann gibt es Niederlagen, bei denen man den Eindruck hat, dass das Universum höchstpersönlich ein Drehbuch geschrieben hat, das von George R.R. Martin im Zorn verfasst wurde.
Saison 43. ZAT 1. Luminos' triumphale Rückkehr nach Morelia. Der Gegner: Club América. Ausgerechnet Club América. Genau jener Verein, den Luminos vor einer einzigen Saison noch zum mexikanischen Meister geführt hatte. Genau jener Verein, den er verlassen hatte, um "zu seinen Wurzeln zurückzukehren". Genau jener Verein, der offenbar ebenfalls nicht vergessen hat, mit welcher Eleganz man gemeinsam auseinandergegangen war.
Endstand: Monarcas Morelia 1:2 Club América.
Vor dem ZAT hatte Luminos in einem Interview erklärt: "Club América ist Vergangenheit. Ich blicke nach vorn." Die Vergangenheit, wie sich herausstellte, blickte ihrerseits zurück... und zwar mit zwei ziemlich gut platzierten Treffern.
Die Tabellensituation ist entsprechend ernüchternd. Monarcas Morelia: null Punkte, ein Tor geschossen, zwei kassiert, Platz 10 von 14. In anderen Worten: Luminos hat Morelia binnen 90
Minuten exakt auf die Position zurückgeführt, die sie ungefähr zu besetzen pflegten, bevor er damals in Saison 28 antrat und sie zum Meister machte. Das ist, man muss es sagen, eine Form von Zirkularität, die schon beinahe poetisch ist.
"Ich habe Morelia nicht verlassen, um einfach nur die Bilanz zu halten", sagte Luminos auf der Pressekonferenz. "Ich bin gekommen, um etwas aufzubauen. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut."
Auf den Einwand unseres Reporters, dass Rom zwar nicht an einem Tag erbaut, aber innerhalb eines Nachmittags vom Club América geschlagen worden wäre, schwieg Luminos eine volle Viertelminute. Dann sagte er: "Sie haben einen interessanten Hintergrund, für einen Sportreporter. Arbeiten Sie nebenbei als Historiker? Oder als Therapeut?"
Wie wir aus gut informierten Kreisen erfahren haben, wird der Mediensprecher des Vereins die nächste Pressekonferenz deutlich strenger moderieren.
"Manche Dinge brauchen Zeit", sagte Luminos zum Abschluss und stand auf. "Der Rest kommt im nächsten ZAT. Oder im ZAT danach. Oder irgendwann in dieser Saison. Die mexikanische Liga hat 26 Spieltage. Man sollte meinen, dass davon zumindest einer für mich dabei sein wird."
Morelia. Es gibt Menschen, die verlassen einen Ort und kommen nie wieder. Es gibt Menschen, die verlassen einen Ort und kommen nach zwei Wochen zurück, weil sie ihre Zahnbürste vergessen haben. Und dann gibt es Luminos, der nach 14 Saisons und einem bemerkenswerten Umweg über Kolumbien und Mexiko-Stadt nun zurückkehrt an den Ort, an dem alles begann und das unter einem Namen, der klingt, als hätte ein Anime-Charakter einen LinkedIn-Account erstellt.
Die Geschichte ist schnell erzählt, wenn man Atem holt: Saison 28, ein junger Mann mit einem deutlich weniger poetischen Namen übernimmt Monarcas Morelia und wird auf Anhieb Meister der Primera División. Die Fans feiern. Die Presse jubelt. Und was macht der frischgebackene Champion? Er verschwindet. Erst nach Kolumbien zu Independiente Santa Fe, wo er - man muss es neidlos anerkennen - in Saison 33 erneut den Titel holt. Dann weiter zu Club América, wo er in Saison 41 seinen dritten Meistertitel einfährt.
Drei Meisterschaften. Zwei Länder. Und eine bemerkenswerte Fähigkeit, nach jedem Triumph sofort die Koffer zu packen, als würde der Erfolg einen unangenehmen Geruch verströmen.
"Ich habe Morelia immer vermisst", sagte Luminos bei seiner Vorstellung, und man konnte förmlich sehen, wie sich der Mediensprecher des Vereins
eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Ob vor Rührung oder weil er gerade seine Kontaktlinse verloren hatte, blieb unklar. "Ich bin regelmässig auf die Vereinswebseite gegangen und hatte jedes Mal Herzrasen, wenn sich dort irgendetwas verändert hatte."
Interessant ist, dass Luminos offenbar nicht der Einzige ist, der in dieser Transferperiode eine Art Wiedergeburt durchlebt. Wie unsere Korrespondenten berichten, sind zeitgleich in Zürich und Taschkent zwei weitere Trainer aufgetaucht, die ebenfalls unter neuen Namen alte Posten besetzen. Ein Zufall, der so gross ist, dass er beinahe kein Zufall mehr sein kann. Aber dazu mehr im nächsten Artikel, sofern unsere Investigativ-Abteilung bis dahin nicht wieder im Pausenraum eingeschlafen ist.
Was bleibt, ist die Frage: Kann ein Mann, der dreimal Meister wurde und dreimal danach weglief, beim vierten Anlauf endlich sesshaft werden? "Egal wie diese Saison ausgeht", sagte Luminos mit einer Entschlossenheit, die man sonst nur von Menschen kennt, die um drei Uhr morgens Ikea-Möbel aufbauen, "ich werde alles daran setzen, dass es auch eine nächste und übernächste Saison gibt."
Die Fans von Morelia nehmen es mit mexikanischer Gelassenheit: "Solange er nicht wieder nach der Meisterschaft abhaut, ist uns der Name egal."
Als Meister der 28. Saison hat man in der folgenden Saison versagt. Es war zu vermuten, dass das Team in der letzten Saison nicht den Titel verteidigen kann, aber dass man das internationale Geschäft verpasst ist schon ein harter Brocken für SamiNo. Mit Platz zehn ist Monarca Moreila nur auf die zweite Tabellenhälfte gelandet. In der kommenden Saison „wird sich das ändern“, verspricht SamiNo.
"Klar war die letzte Spielzeit
nicht berauschend. Wir haben nie richtig in die Saison gefunden und haben zu viele Heimspiele verloren. Aber wir müssen die Saison abhacken und uns auf die kommende konzentrieren. Wir haben starke Spieler verpflichtet und ein gutes Team zusammen geformt. Ich bin zuversichtlich, dass wir unser Saisonziel, einen internationalen Startplatz, erreichen werden. Gleich am ersten ZAT ist es Zeit zu zeigen, wie stark wir da Heim doch sind!", so ein zuversichtlicher Coach.
Zuletzt war SamiNo2 in Argentinien und Brasilien als Co-Trainer unterwegs, nun hat er eine neue Aufgabe in Mexiko bei Monarcas Morelia übernommen. Bei Morelia unterschreibt er seinen ersten Chef-Trainer Vertrag. Für ihn selbst ist es eine Herausforderung, den in der Mexikanischen Primera Division spielenden Verein zu trainieren. Außerdem freut sich der neue Coach auf die Zusammenarbeit mit einem ihm zum ersten Mal unterordeneten Trainerstab, sowie dem Rest vom Club und seinen neuen Aufgaben. „Die Denkweise des Vorstandes deckt sich auf jeden Fall mit meiner und die angedachten Ziele und Ambitionen aller Beteiligten haben mich überzeugt“, so SamiNo2.