An der Spitze geht’s rund - und Österreich mischt Europa auf
Meersdonk: Vierundzwanzig Spieltage. Rapid Erster, Ried Zweiter, Sturm Dritter. Dazwischen liegt praktisch ein Blatt Zeitungspapier.
Tatar: Na servas. Und wer hat die Zeitung geschrieben?
Falco: Wir nicht. Wir haben ja lange nicht über Rapid gesprochen.
Meersdonk: Stimmt. Und jetzt sind sie Tabellenführer.
Tatar: 41 Punkte. Ried und Sturm haben 40. Des is kein Vorsprung, des is ein Tippfehler.
Falco: Rapid war lange aus unserem Blickfeld. Jetzt steht Herr Karl ganz oben. Vielleicht sollten wir weniger über Mannschaften reden. Sonst steigen die noch ab.
Meersdonk: Wiener Neustadt haben wir gelobt. Danach ging’s bergab.
Tatar: Und jetzt Rapid. Ich würd sagen: Wir schweigen ab sofort über die ganze Liga.
Falco: Dann wird Austria Salzburg Meister.
Meersdonk: Die sind Letzter.
Falco: Eben. Über die haben wir auch nicht gesprochen.
Tatar: Aber der eigentliche Wahnsinn spielt sich in Ried ab. Sechs null gegen Grödig!
Meersdonk: Da hat Ried den Henk mit sechs Toren zerlegt. Danach eine 0:1-Niederlage gegen Wiener Neustadt.
Tatar: Der Dr. Calakmul arbeitet offenbar mit einer neuen Rezeptur. Einmal homöopathisch, einmal sechs Liter auf einmal.
Falco: Ried ist Zweiter, nur einen Punkt hinter Rapid. Der Doktor hat die Meisterschaft wieder auf die Intensivstation gebracht.
Meersdonk: Und Sturm? Erst Tabellenführer, jetzt punktgleich mit Ried auf Platz drei.
Tatar: Die Grazer haben nach Grödigs Auswärtssieg offenbar Besuch bekommen. Die Gegner kommen jetzt mutiger nach Graz.
Meersdonk: Austria Salzburg gewann dort 2:1. Für Sturm die zweite Heimniederlage.
Falco: Früher hieß es: Die Grazer Festung. Jetzt heißt es: Bitte nach dem Spiel die Fenster schließen.
Tatar: Immerhin haben sie auswärts gewonnen. Sturm gewinnt auswärts und verliert daheim. Das ist eine ungewöhnliche Form der Gastfreundschaft.
Meersdonk: Währenddessen steckt Wacker Innsbruck in einer echten Krise.
Neunter Platz, 26 Punkte, 60 Gegentore.
Tatar: Und zuletzt 4:5 gegen Wiener Neustadt, dann 0:3 gegen Austria Salzburg. Da hilft auch die Mobbing-Theorie nicht mehr.
Falco: Vielleicht wird Wacker gar nicht gemobbt. Vielleicht ist die Liga einfach kollektiv der Meinung, dass Innsbruck dringend ein Erfolgserlebnis braucht - und schenkt ihnen trotzdem keins.
Meersdonk: Zwölf Punkte Rückstand auf den vierten Platz.
Tatar: Bei zwölf verbleibenden Spielen ist das noch möglich. Aber dafür müssten sie irgendwann anfangen, weniger Tore zu kassieren als sie schießen.
Falco: Eine gewagte taktische Innovation.
Meersdonk: Und jetzt die wirklich gute Nachricht: Österreich ist in Europa nicht nur dabei. Mit Wiener Neustadt und Grödig stehen gleich zwei österreichische Mannschaften im Halbfinale der Champions League.
Tatar: Zwei! Da darf man ruhig einmal stolz sein. Wiener Neustadt und Grödig – mitten unter Europas Besten.
Falco: Die einen verlieren in der Liga, die anderen gewinnen in Europa. Und beide haben offenbar beschlossen, dass die österreichische Grenze nur eine geografische Empfehlung ist.
Meersdonk: Für Wiener Neustadt ist das nach dem jüngsten Rückschlag in der Meisterschaft eine schöne Antwort. Und Grödig zeigt, dass der Pokalsieger nicht nur einen hübschen Titel im Vereinsnamen trägt.
Tatar: Also gut: Über diese beiden reden wir weiter. Vielleicht gewinnen sie dann auch noch das Finale.
Falco: Bitte nicht. Sonst müssen wir nächste Woche über den Weltfußball reden.
Meersdonk: Und wer wird Meister?
Tatar: Rapid, Ried oder Sturm. Drei Mannschaften, ein Punkt Unterschied.
Falco: Und wenn wir jetzt Wiener Neustadt erwähnen?
Tatar: Dann gewinnen sie wieder.
Meersdonk: Sie haben zuletzt verloren.
Tatar: Eben. Wir haben gerade wieder über sie gesprochen.
Falco: Dann ist ja alles klar. Die Meisterschaft wird nicht auf dem Platz entschieden.
Meersdonk: Sondern?
Falco: In unserer Redaktion. Wir brauchen dringend eine Schweigepflicht.