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Die Schule von Montevideo
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MONTEVIDEO - Der Presseraum ist kein Raum mehr, sondern ein schwebender Hörsaal ohne Wände. Bücher atmen leise auf dem Tisch: Cicero flüstert in vergilbten Seiten, Ovid verwandelt Wörter in Vögel, Vergil zeichnet mit Staub Linien in die Luft, und Epikur lächelt aus einer Ecke, als hätte er das alles längst vorhergesehen. Der Rauch steigt nicht nach oben – er sinkt, kringelt sich wie ein zweifelnder Gedanke zurück zur Erde. Der Aschenbecher gleicht einem kleinen, erschöpften Vulkan.
César Luis Menotti sitzt darin wie ein Dozent der Zwischenwelt, halb Trainer, halb Orakel. Seine Stimme scheint nicht gesprochen zu werden, sondern sich aus dem Raum selbst zu lösen.
«Ein Sieg, der nicht mit schönem Fussball erspielt wurde, ist kein echter Sieg.»
Ein Raunen, das sich wie ein Wind durch trockenes Gras bewegt.
«Ars longa, vita brevis.» Die Worte hängen kurz in der Luft, bevor sie sich auflösen. «Fussball ist das schöne Spiel – und wir sind nicht seine Spieler, sondern seine Hüter. Pulchritudo ante omnia.»
Die Reporter – oder sind es Schüler? Pilger? – notieren nicht, sie zeichnen unsichtbare Linien in ihre Hefte.
Ein Reporter erhebt sich, doch sein Stuhl bleibt sitzen.
«El Maestro Menotti… stimmt es, dass Ihr Trainerkollege Ramírez behauptet, Sie wollten in Montevideo einen |
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Literaturzirkel gründen?»
Menotti schweigt. Seine Augen folgen etwas, das niemand sonst sehen kann – vielleicht einer unsichtbaren Formation, vielleicht einer Idee, die gerade geboren wird.
«Ja… eine interessante Idee… nein, mehr als das…» Er lächelt kaum merklich. «In der Antike gab es die Schule von Athen. Warum also nicht… die Schule von Montevideo? Ein Ort, an dem Pässe wie Verse sind und Taktik wie Tragödie. Mens sana in corpore sano – doch wer sagt, dass der Körper nicht auch ein Spielfeld ist?»
Der Rauch nickt zustimmend.
Ein anderer Reporter – oder Schatten – fragt: «Ein Kommentar zum nächsten Spiel gegen Tacuarembó FC und ihren Trainer… Totengräber Chrille?»
Ein leises Knistern geht durch die Bücher. Vergil schlägt sich selbst zu.
Menotti neigt den Kopf.
«Eine faszinierende Persönlichkeit… ja. Er versteht den Tod des Spiels – wir verstehen sein Leben.»
Kurze Pause.
«Sie hatten einen guten Start. Aber bei uns wird nichts geschenkt. Fortuna audaces iuvat.»
Er lehnt sich zurück. Für einen Moment scheint es, als würde der Raum verschwinden.
«Die Mannschaft… beginnt zu verstehen. Nicht mich – das Spiel.»
Ein letzter Satz, kaum hörbar: «Und das Spiel beginnt… uns zu träumen.» |
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25.04.2026 20:40 -
César Luis Menotti -
Club Nacional de Football
(0.3 TK)
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